Magdeburg l Marcus Herwig gibt sich keinen Illusionen hin. Er müsste beim Freiwasser-Weltcup am 16. Februar in Doha (Katar) ein Top-Top-Resulat, ja sogar den Sieg erzielen, um in der Flut des Persischen Golfes den Weg über die olympischen zehn Kilometer zur Weltmeisterschaft zu ebnen. Und die Konkurrenz müsste versagen.

Gute bis sehr gute Aussichten haben indes seine Teamgefährten vom SCM: Florian Wellbrock und Rob Muffels sowie Finnia Wunram. Sie haben sich bei der ersten Qualifikation im November in Abu Dhabi (Emirate) alle Chancen auf die WM in Gwangju (Südkorea) im Juli eröffnet. Und sie wollen diese Tür in Doha auch nicht mehr schließen. Denn in der Summe beider Weltcups reisen die beiden besten Frauen und Männer des Deutschen Schwimmverbandes nach Asien.

Angriff über fünf Kilometer

Doch auch für Herwig steht Doha im Zeichen der WM. Zum Mitschwimmen im Pulk der Weltklasse reist er dort nicht an. Im Gegenteil. Es geht für ihn erstmals um die Qualifikation für die nichtolympischen fünf Kilometer. „Entweder schaffe ich dort einen Top-20-Platz. Und darauf ziele ich ab. Oder ich lege im Becken über die 1500 Meter Freistil 15:25 Minuten vor“, erklärt Herwig, der am kommenden Sonntag seinen 23. Geburtstag feiert, den Modus. In beiden Fällen darf er nämlich im Rahmen des Europacups in Brive la Gaillarde (Frankreich) am 23. Mai auch zum zweiten Teil im Kampf um das WM-Ticket antreten.

Darüber hat er gestern Morgen in der Elbehalle wiederum ziemlich entspannt gesprochen. Und das ist ein Glück. Denn wer Herwig in den letzten Wochen des alten Jahres beobachtet, erlebt, gesprochen hat, der musste ein baldiges Karriereende befürchten.

Diese Wochen zwischen der Enttäuschung von Abu Dhabi und dem Jahreswechsel, bestätigt er, „waren sehr schwierig“. Der Student zum Gesundheitsmanagement fand kaum zur Motivation. Das wurde auch im Wasser deutlich. Beim internationalen Pokalschwimmen in heimischer Halle kurz vor Weihnachten schwamm er so müde, als hätte er die zehn Kilometer von Abu Dhabi erst am Tag zuvor hinter sich gebracht. „Das war die Phase, in der ich immer noch platt gewesen bin. Vom Kopf her lief es nicht, der Körper machte auch nicht mehr mit“, berichtet Herwig. Er hat gerade in der freien Trainingswoche zwischen Weihnachten und Neujahr viel geschlafen, er hat seinen Ausgleich mit Videospielen gesucht, er hat Abwechslung unter Freunden gefunden: „Jetzt bin ich auch im Training wieder viel konzentrierter und fokussierter.“

Konzert gegen den Restfrust

Die beste Motivation allerdings lag wohl unter dem Weihnachtsbaum. Eine Konzertkarte für Parkway Drive, eine der beliebtesten australischen Metal-Bands, die es mit ihrem letzten Album „Reverence“ sogar auf Platz drei der deutschen Charts schaffte. Ende Januar steigt der Gig in der Arena Leipzig. Ein guter Abend, um sich auch den Beat für Doha zu holen und sich den Restfrust von der Seele zu schütteln.

Die Kraft und Kondition holt er sich derweil im Training. Gestern Morgen ist er elf Kilometer geschwommen und absolvierte danach eine Krafteinheit. Seit Beginn der Vorbereitung kann er das schmerzfrei. „Ich bin bislang super durchgekommen, hatte keine Ausfälle“, berichtet Herwig. Ganz das Gegenteil zum vergangenen Jahr, als ihn Infekte immer wieder zurückwarfen. Womöglich war das die Haupt-ursache für seinen 33. Platz in Abu Dhabi, als „ich krachen gegangen bin“. Aber das ist abgehakt. „In Doha geht es weiter.“

Wie lange und wie weit es für ihn in seiner Karriere geht, das entscheidet Herwig nach dieser Saison. Wenn es schon nicht im Freiwasser für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio reicht, könnte er es über die 1500 Meter Freistil versuchen. Seine Bestzeit auf der längsten Beckendistanz steht bei 15:28,43  Minuten. Die wird nicht reichen für Tokio, das weiß auch der Athlet. Aber das Ziel lässt sich entspannter angehen mit einem Plan B im Kopf. Und den, so scheint es, hat Marcus Herwig längst geschmiedet.