Yeosu/Magdeburg l Donnerstag, 18.30 Uhr Ortszeit, Yeosu. Endlich Ruhe. Endlich Entspannung. Bernd Berkhahn sitzt in seinem Zimmer im noblen Hotel „Venezia“. Hier ist alles neu, hier ist alles frisch. Hier ist der Ausblick aus dem großflächigen Fenster phänomenal.

Berkhahn schaut direkt auf den Ocean Park, die Wettkampf-Stätte der Freiwasser-Schwimmer. Zwei Stunden später kann der Magdeburger dort eine Lichter- und Wassershow inklusive Fontäne beobachten. „Das ist der Wahnsinn“, sagt er zum Schauspiel bei Abenddämmerung: „Sowas habe ich noch nie gesehen.“

Und der Mann hat schon viel gesehen. Nicht zuletzt als Trainer der SCM-Athleten. Bei der 18. Weltmeisterschaft, die am heutigen Freitag im südkoreanischen Gwangju und dem zirka 100 Kilometer entfernten Yeosu beginnt, feiert er trotzdem eine Premiere: Es ist seine erste WM als Bundestrainer des Deutschen Schwimmverbandes (DSV). Noch nicht in Yeosu, wo er die Magdeburger als Heimcoach begleitet. Dort verantwortet der Würzburger Stefan Lurz das Freiwasser-Team. Aber ab dem 21. Juli in Gwangju, wenn die Beckenwettbewerbe starten, dann ist Berkhahn in der Doppelspitze mit Hannes Vitense aus Neckarsulm gefordert.

Für ihn ist das allerdings kein besonderes Gefühl. Bernd Berkhahn verspürt auch keine andere Anspannung als bei früheren Saisonhöhepunkten. Er sagt: „Bisher bestand meine Aufgabe vor allem darin, den Rahmen für die Nationalmannschaft bei der WM zu gestalten. Jetzt freue ich mich, dass es endlich losgeht.“

Kein Medaillenziel

Das Videotelefonat mit Berk-hahn an diesem Donnerstagabend trottet allerdings nicht 45 Minuten lang durch eine nüchterne Analyse der Situation und der Bedingungen in Yeosu, wo die Luft sich auf 28  Grad Celsius erwärmt, das Wasser 23 Grad misst, die Luftfeuchtigkeit ziemlich hoch ist. Wo es viel frittiertes Essen gibt, aber auch Pasta.

Spätestens, wenn Berkhahn auf das Medaillenziel angesprochen wird, dann kann er ganz anders als ruhig und entspannt. Dann werden in ihm Emotionen geweckt. Dann signalisiert er wortlos, aber mit einem Lächeln: Ich habe keine Lust auf diese Frage.

Berkhahn erklärt dann tatsächlich: „Wir haben uns kein Medaillenziel gesteckt. Jeder DSV-Starter hat hart für seine Teilnahme an der WM trainieren müssen. Seit der Nominierung haben bereits einige einen Formanstieg nachgewiesen. Ich bin gespannt auf die Leistungen der deutschen Nationalmannschaft.“

Es gibt einen guten Grund, warum Berkhahn inzwischen recht allergisch auf diese Frage reagiert. Sie wird ihm ja seit Wochen gestellt. Wie auch jene Frage nach dem schwimmenden „Traumpaar“ Sarah Köhler und Florian Wellbrock aus seiner SCM-Trainingsgruppe. Zu dem er wiederum und lediglich erklärt: „Ich glaube, dazu ist alles in der Öffentlichkeit besprochen. Nun wollen wir uns mit ihren Leistungen beschäftigen.“

Vier Tokio-Tickets im Visier

Und nur um Leistungen geht es letztlich auch bei dieser WM, vor allem nach den drei desaströsen Titelkämpfen zuvor. Für eine erfolgreiche Zukunft hat Berkhahn bei seinem Amtsantritt am 1. Februar das Ziel formuliert, Kompetenzen zu bündeln – und nicht auszuschließen. Genau deshalb agiert er auch nicht als Chefbundestrainer. Der 48-Jährige erklärt: „Ich möchte die sportlichen Strukturen weiterentwickeln. Aber ich vertraue auch auf die Kompetenz aller Trainer. Und für mich ist es wichtig, dass ich bei Trainern wie Athleten die Motivation erkenne, Erfolg haben zu wollen.“

Diese Motivation sieht er nicht zuletzt bei seinen eigenen Athleten. Jeden Tag in der Elbehalle. Und jetzt auch in Gwangju und Yeosu. Sechs Magdeburger haben sich für die WM qualifiziert. Übrigens mit durchaus guten Medaillenchancen wie für Wellbrock über 800 und 1500 Meter im Becken sowie im Freiwasser. Den Anfang macht am Sonntag (1 Uhr MESZ) Finnia Wunram, die sich wie Leonie Beck (Würzburg) und ihre Clubgefährten Rob Muffels und eben Wellbrock über die olympischen zehn Kilometer mit einem Top-Ten-Platz das direkte Ticket für die Sommerspiele in Tokio 2020 sichern will.

Berkhahn blickt voraus: „Alle vier haben einen harten Weg durch die Qualifikation für die WM zurücklegen müssen. Alle vier haben bereits mehrfach bewiesen, dass sie zur Weltspitze gehören. Jetzt können sie sich belohnen und das Ticket sichern.“

Wenn ihnen das gelingt, dann würde der DSV sogar etwas Historisches erreichen: „Ich glaube, es hat noch keine Nation geschafft, alle vier Starter über zehn Kilometer zu den Olympischen Spielen zu bringen“, berichtet Bernd Berkhahn. „Das wäre eine großartige Sache.“ Und ein guter Anfang für eine neue Geschichte im deutschen Schwimmen.