Gwangju/Magdeburg l Den Auftakt bestreitet am Montag Sarah Köhler, ihr Freund Florian Wellbrock folgt am Dienstag: Für die Magdeburger Schwimmer beginnen bei den Weltmeisterschaften in Gwangju die Beckenwettbewerbe. Nach vier Medaillen im Freiwasser - Gold für Wellbrock und Bronze für Rob Muffels über zehn Kilometer, Gold für Muffels und Köhler in der Teamstaffel und Silber für Finnia Wunram über 25 Kilometer - will der SCM nun Nambu Municipal Aquatics Center den goldenen Schwung ins Becken mitnehmen.

Florian Wellbrock: Maximal angestachelt

Am 24. Juni dieses Jahres ist Florian Wellbrock nervös geworden. Anders nervös als vor einem Wettkampf. „Ich war tierisch aufgeregt, deutlich mehr als vor einem Rennen“, sagte er. Wellbrock trat an jenem Tag nämlich vor dem Prüfer der Industrie- und Handelskammer und musste die letzte und entscheidende Prüfung seiner Ausbildung absolvieren. „Ich habe bestanden“, berichtete der nun staatlich anerkannte Immobilienkaufmann lächelnd und erleichtert. „Denn im Gegensatz zum Schwimmen bin ich gar nicht so prüfungssicher.“

Wie sicher er seine Prüfungen im Wasser bestehen kann, davon durfte man sich bereits am Dienstag dieser Woche überzeugen. Wellbrock gewann bei der Weltmeisterschaft in Südkorea Gold über die zehn Kilometer im Freiwasser und sicherte sich damit sein Ticket für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

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Ein weiteres Ticket kann er sich im Becken über 800 und 1500 Meter Freistil nun nicht sichern, dafür muss er sich im nächsten Jahr erneut qualifizieren. Aber ein Jahr vor Tokio ist ja ein Leistungscheck mit der großen Konkurrenz ganz hilfreich – und  dies außerhalb der Jahres-Weltrangliste, in der Wellbrock sowieso vorn dabei ist: mit jeweils Platz zwei über 800 in 7:43,03 und 1500 Meter in 14:42,91 Minuten.

Einen Leistungscheck hat Wellbrock auch im Juni absolviert. Und zwar in der spanischen Sierra Nevada. In 2300 Metern Höhe traf der 21-Jährige beim Training auf Michailo Romantschuk (Ukraine), Jahresbester auf der kürzeren der beiden längsten Beckendistanzen mit 7:42,49 Minuten. „Ich konnte mir ein bisschen was von ihm abgucken“, meinte Wellbrock. Womit er zugleich erklärt: Seine Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen.

Beispiele: „Seine Wenden sind deutlich besser als meine“, analysierte der Schützling von Trainer Bernd Berkhahn den Kontrahenten. „Er liegt tiefer im Wasser, weshalb es über seinen Körper hinwegströmen kann. Dafür arbeitet er weniger mit den Beinen.“

Das war ja selbst im Training kein lustiges Nebenherschwimmen zwischen den beiden Europameistern von 2018 in Glasgow – Wellbrock über 1500, Romantschuk über 800 Meter. „Man stachelt sich auch dort maximal an, und es gewinnt der, der als Erster an der Beckenkante hängen bleibt“, sagte Wellbrock. Und konstatierte lächelnd: „Im Training ist er stärker als ich.“ In der Verbundenheit zur Weltklasse sind sie allerdings gleich: Nach den Einheiten fotografierten sich beide mit Wellbrocks Teamgefährten Rob Muffels und schickten dem Italiener Gregorio Paltrinieri einen lieben Gruß über das soziale Netzwerk Instagram: „Wir vermissen dich.“

In Gwangju sehen sich alle wieder. Paltrinieri, Europarekordler (14:34,57), Weltmeister, Olympiasieger über 1500 Meter. Vizeweltmeister Romantschuk. Und der deutsche Rekordhalter Wellbrock. Und womöglich wird es im Nambu University Municipal Aquatics Center vor 11 000 Zuschauern wieder eng werden zwischen den Männern.

Aber das macht Wellbrock nicht nervös, allenfalls „gesund nervös, um die richtige Power ins Wasser zu bringen“, sagte er. „Denn um mich aus der Spur zu bringen, müsste mir schon die Badehose reißen.“

Sarah Köhler: Für Gefühl und Zeit

Ein gutes Gefühl im Wasser, aber weniger gute Trainingszeiten: Paradox, was Sarah Köhler alljährlich vor dem Saisonhöhepunkt erlebt. Erst in Heidelberg bei Trainer Michael Spikermann, seit dem vergangenen Sommer in Magdeburg unter Coach Bernd Berkhahn. „So wie es läuft, bin ich es gewöhnt. Ich hoffe aber, dass dann alles bei der WM gutgeht“, hat sie vor der Abreise nach Asien Anfang Juli noch erklärt. Und sich mit ihrem Start in Südkorea in der 4x1,25-Kilometer langen Freiwasser-Staffel gleich mal selbst bestätigt: Mit Gold ist alles bestens gelaufen. „Einen besseren Einstand in die WM hätte ich nicht haben können“, betonte die 25-Jährige.

So wie das gesamte Team des DSV sich nach den fünf Medaillen im Yeosu Ocean Park auch einen Schub bei den Beckenwettbewerben erhofft, so will die für die SG Frankfurt startende Köhler den goldenen Schwung in die Rennen über 800 und 1500 Meter Freistil mitnehmen. Aber das wird hart und sogar noch härter, wenn man an Katie Ledecky denkt. Die US-Amerikanerin ist fünfmalige Olympiasiegerin und 14-malige Weltmeisterin mit zarten 22 Jahren. „Sie ist außen vor“, sagte Köhler entsprechend. „Über 800 Meter wird es schon schwierig, aber über 1500 Meter ist die Leistungsdichte noch extremer.“ Köhler tritt als Weltranglisten-Siebte mit 8:23,63 über die kürzere und als Achte mit 16:06,68 Minuten über die lange Distanz an. Ledecky steht auf beiden Strecken mit 8:10,70 und 15:45,89 Minuten an der Spitze.

Mut machen sollten ihr aber nicht nur das Freiwasser-Gold, sondern auch die bisherigen Fortschritte aus einem Jahr Magdeburg. Beispiel: „Meine Wenden sind weitaus besser geworden.“ Auch technisch hat sie sich verändert und stabilisert: „Manchmal kommt noch der Schwingerarm“, sagte sie über ihren einst typischen Zug, wenn sie erst ganz weit ausholte. Aber grundsätzlich taucht sie nun über einen hohen Ellenbogen mit der Hand ins Wasser ein.

Bleibt die Frage nach den Zielen: „Ich fahre nicht nach Gwangju, um im Vorlauf auszuscheiden. Ich will dort Bestzeiten schwimmen“, sagte Köhler. In ihrem Fall würde das bedeuten: Sarah Köhler, Vize-Europameisterin über 1500 Meter, könnte ihren eigenen deutschen Rekord (15:57,85) unterbieten. Und Sarah Köhler könnte die seit 32 Jahren bestehende Bestmarke der Magdeburgerin Anke Möhring über 800 Meter (8:19,53) knacken. Dann hätte sie ein sehr gutes Gefühl und eine sehr gute Zeit zugleich.