Balatonfüred/Magdeburg l Geschockt vom Zustand der Gefährtin war für das deutsche Team nichts mehr zu holen: Finnia Wunram vom SCM sollte am Donnerstag als Startschwimmerin bei der Freiwasser-Weltmeisterschaft im Balaton (Ungarn) die 4x1,25-Kilometer-Staffel auf Medaillenkurs führen, aber eine Kollision mit dem Russen Sergej Bolschakow nur wenige Meter nach dem Startschuss beraubte das Quartett aller Chancen. „Finnia wurde versenkt“, teilte ihr Trainer Bernd Berkhahn während des Rennens mit. Die 21-Jährige erlitt Schläge an Kopf, Nacken und Rücken, quälte sich in 15:08,3 Minuten als 19. und Letzte mit 1:09 Minuten Rückstand zur Spitze zum Wechsel auf Leonie Beck.

Was sich dann den Zuschauern bot, ließ keinen mehr kalt: Wunram schaffte es nicht aus eigener Kraft aus dem Wasser, ihr Kreislauf brach zusammen, sie schnappte nach Luft und musste medizinisch versorgt werden „Ihr geht es einigermaßen gut“, erklärte Berkhahn zirka zehn Minuten später. Der Kreislauf konnte stabilisiert werden, Wunram wurde ins Hotel „Annabella“ in Balatonfüred gebracht. Nach Platz sieben über die olympischen zehn und Rang elf über die fünf Kilometer hatte sich die 1,64 Meter große Kämpferin diesen Abschluss nicht verdient.

Dieses Rennen forderte körperliche (auch die Italienerin Rachele Bruni musste behandelt werden), aber auch sportliche Opfer, die an den Sinn des neuen Formats zweifeln lassen. Der deutschen Staffel, die 2015 noch im alten Modus Weltmeister wurde, weil zwei Männer eine Frau am Schnellsten ins Ziel gezogen hatten, blieb am Ende der ehrenwerte achte Platz.

Beck (14:25,8), Sören Meißner (13:32,0/beide Würzburg) und Rob Muffels vom SCM in starken 12:25,7 Minuten erreichten mit 1:35,9 Minuten Rückstand auf Sieger Frankreich (54:04,9) das Ziel. Silber ging an die USA mit 12,2, Bronze an Italien mit 25,1 Sekunden Rückstand.

Zierliche Athletinnen, robuste Hünen

Das neue Format lässt den Teams freie Hand bei der Wahl der Aufstellung ihrer zwei Damen und zwei Herren, was zwangsläufig gerade am Start den ungleichen Kampf zwischen zierlichen Athletinnen und robusten Hünen garantiert. „Und damit besteht eben die Gefahr, dass die eine oder andere Frau auf der Strecke bleibt“, so Berkhahn.

Sechs Varianten von Frau-Frau-Mann-Mann bis Mann-Mann-Frau-Frau stehen zur Auswahl, Deutschland entschied sich für die erste. Großbritannien wählte Frau-Mann-Mann-Frau – mit diesem Ergebnis: Als dritter Starter schwamm Tim Shuttleworth einsam in die Wechselzone, übergab mit 37,7 Sekunden Vorsprung auf Frankreich (Frau-Mann-Frau-Mann) an Alice Diering, Junioren-Weltmeisterin von 2016 über zehn Kilometer. Diering wurde 500 Meter weiter bereits vom Fünf-Kilometer-Weltmeister Marc-Antoine Olivier überrollt. Letztlich belegten die Briten den fünften Rang.

Wunram gab einige Stunden nach ihrem Start endgültig Entwarnung: „Mir geht es wieder ganz gut“, sagte sie, „an mein Rennen kann ich mich auch erinnern.“ Aufgabe kam für sie trotz starker Schmerzen nicht infrage: „Hätte ich aufgehört, wäre unser Team nicht in die Wertung gekommen.“ Vor ihrer Leistung zog Muffels seinen Hut: „Wie sie sich durchgekämpft hat, verdient größten Respekt“, sagte der 22-Jährige, der den Unfall von der Startbrücke verfolgte hatte. Und der zudem resümierte: „Wir können positiv in die Zukunft blicken.“

Für den SCM sind die Freiwasser-Wettbewerbe nämlich beendet. „Nächstes Jahr ist das Glück wieder auf unserer Seite“, blickte Muffels auf die Europameisterschaft in Glasgow 2018 voraus. Er gehörte nach Platz 25 über die zehn Kilometer zu den Enttäuschten am Balaton, nachdem er mit den „Irren“ an der Spitze mitschwimmen wollte und dafür sogar auf die Verpflegung verzichtete. Entsprechend gab ihm Berkhahn Tipps für die nächsten Aufgaben: „Rob hat handwerkliche Fehler gemacht, die er nie wieder machen darf. Er muss sich an die Absprachen bei der Verpflegung halten. Und er benötigt auch in stressigen Rennen einen ruhigen Angang.“ Für Muffels war die WM auf dem Weg zu den Sommerspielen 2020 eine große Lehre.