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SES-Kämpfer Fress hat ein Herz für Aufwärtshaken

Selbst die Schlägerei nach dem 150. SES-Kampfabend lässt eines nicht vergessen: Agit Kabayel und Roman Fress haben sich mit ihren Siegen für die nächsten größeren Aufgaben empfohlen.

Von Daniel Hübner
Roman Fress verschenkte nach dem Sieg viele Herzen.
Roman Fress verschenkte nach dem Sieg viele Herzen. Foto: Popova

Magdeburg - Vielleicht trägt er eine Titaniumplatte in der linken Gesichtshälfte, vielleicht besteht diese nur noch aus Hornhaut, vielleicht spürt er nach nunmehr 54 Profikämpfen in seiner Karriere in diesem Kopfbereich einfach keinen Schmerz mehr. Sechs Runden lang ließ sich Kevin Johnson seine linke Wange von Agit Kabayel massieren, manchmal war er davon und von sich selbst genervt. Dann zog er kurz die Augenbrauen hoch, dann atmete er tief durch. Er ließ aber keine Wirkung spüren. Er machte weiter, immer weiter. „So stark habe ich Johnson noch nicht gesehen“, sagte Kabayels Trainer Sükrü Aksu.

Mit jedem Schlag spritzte Schweiß vom Gesicht des US-Amerikaners, 41 Jahre, unheimlich erfahren, ein „alter Hase“, wie Kabayel erklärte. Der schon gegen Größen wie Anthony Joshua und Tyson Fury geboxt hat. Der provoziert, aber trotzdem fair bleibt. Wie er fair seine Niederlage am Samstagabend akzeptierte. Kabayel verteidigte den Continental-Titel der WBA, im Rang aller Gürtel der dritthöchste Gewinn, nach Punkten. Eindeutig. Mit 118:111, 118:111, 119:110 nach zwölf Runden. So viele Schläge hatte Johnson im Duell der Schwergewichtler beim 150. Kampfabend von SES-Promoter Ulf Steinforth auf der Magdeburger Seebühne kassiert. Ohne umzufallen. Denn dazu fehlte Kabayel, 28, der richtige Punch.

Einen Punch hat Johnson durchaus. Mit einer ansatzlosen Linken oder Rechten setzte er Akzente, die Kabayel aber letztlich abfangen konnte. Oft mit der Deckung. Manchmal auch mit dem Kopf. Nur der „Hurrikan-Blitz“ aus der Führ- oder Schlaghand Johnsons kam nicht. Der Sieger resümierte: „Ich habe mein Bestes gegeben, um den K.o. zu machen und einen Wunsch meines Trainers zu erfüllen. Aber ich habe in der neunten Runde auch gemerkt, dass es mit 18 Wochen eine lange Vorbereitung war, die in meinen Knochen steckt. Da wurden die Beine müde.“ Zur Erinnerung: Der Kampf sollte bereits im April über die Bühne gehen, musste aber abgesagt werden.

21. Sieg für Kabayel

Für Kabayel war es der 21. Sieg im 21. Profikampf, er sagte: „Das muss mir erstmal jemand nachmachen.“ Er ist in allen Weltranglisten in der Top Ten gelistet, ergänzte er. Aber an die Zukunft, an kommende große Gegner, wollte er nicht denken. „Ich brauche eine Ruhepause.“ Er hat seit seinem letzten Kampf im vergangenen Dezember nur trainiert, sich kaum mit seinen Freunden getroffen. „Ich will endlich meine Familie sehen.“

Die Familie des Roman Fress war mit seiner Lena und Töchterchen Viviane fast vollzählig anwesend, nur Söhnchen Ivar, im Januar erst geboren, fehlte noch. Aber auch er gehört dazu, wenn Roman Fress über sein Leben sagt: „Besser kann es nicht laufen.“ Das konnte es auch im zweiten Hauptkampf im Ring nicht. Der 27-Jährige sicherte sich gegen den Belgier Kamel Kouachou den Intercontinental-Titel der WBO im Cruisergewicht. Mit einem K.o.-Schlag nach 1:58 Minuten in der sechsten Runde. Mit dem achten Knock-out im 14. Profikampf. Und verteilte danach Liebesgrüße an die Familie und die Fans. „Papa liebt dich“, rief er der kleinen Viviane zu.

Der letzte Schlag war mal wieder der Aufwärtshaken, den Fress ja gern als seine „Geheimwaffe“ bezeichnet. Fünf Runden lang hielt er sie so geheim, dass Kouachou wohl nicht mehr mit ihr rechnete. „Den Aufwärtshaken werden wir immer weiter trainieren“, jubelte Fress. Sein Trainer Robert Stieglitz meinte: „Das hat er wunderbar gemacht.“ Mit viel Geduld, mit wachen Augen und einer hervorragenden Athletik. „Nur bin ich früher als geplant auf die Leber gegangen“, sagte er lächelnd.

Fress gibt sich nun eine Woche, um auszuruhen. „Dann geht es weiter.“ Und wie? Steinforth resümierte: „Das war seine Reifeprüfung. Es war sein erster Schritt ins internationale Geschäft, und der war beeindruckend. Dafür wird er sicherlich belohnt in den Weltranglisten.“ Dann kann kommen, was will. Fress wird bereit sein. Sein Aufwärtshaken ebenso.