Sommerspiele in Tokio

Wunram und van Rouwendaal: Durchs trübe Wasser in die Spitze

Finnia Wunram und Sharon van Rouwendaal vom SC Magdeburg gehen in Tokio mit unterschiedlichen Erwartungen in den Freiwasser-Wettbewerb über zehn Kilometer.

Von Daniel Hübner 03.08.2021, 12:28 • Aktualisiert: 03.08.2021, 12:53
Finnia Wunram (r.) möchte in Tokio besser als bei der WM 2019 abschneiden.
Finnia Wunram (r.) möchte in Tokio besser als bei der WM 2019 abschneiden. Foto: Jo Kleindl

Tokio/Magdeburg - Sharon van Rouwendaal hat sich auf dem Weg zu ihrem Freiwasser-Rennen zunächst im Tokyo Aquatics Centre eingeschwommen. Nicht nur in den Trainingseinheiten, auch in einem Wettbewerb bei den Sommerspielen. Sie ist über die 200 Meter Rücken an den Start gegangen, sie hat sich mit 2:11,24 Minuten sogar für das Halbfinale qualifiziert, dort ist sie mit 2:12,98 Minuten ausgeschieden. Aber das hatte sie im Vorfeld geahnt, dass es für den Endlauf nicht reichen würde. „Für mich ist es ein Warm Up, ich erwarte nicht, dass ich in die Top-Acht komme“, sagte sie der Volksstimme.

Die Niederländerin ist mit dem Tross der Open-Water-Athleten nun weitergezogen in den Odaiba Marine Park, wo sie am Montag ihr erstes Training absolviert hat. Und wo sie womöglich einen Eindruck gewonnen hat, den auch die deutsche Starterin Leonie Beck gewonnen hat. Sie sagte: „Die Wasserqualität ist sogar besser als der Standard, allerdings hat man hier nur rund 30 Zentimeter Sicht. Das heißt, dass wir zur Orientierung den Kopf öfter heben müssen.“

Um auch nach Sharon van Rouwendaal zu schauen. Denn die 28-Jährige hat nichts anderes als den Olympiasieg auf ihrem Tokio-Zettel stehen. Zumindest „ist Gold der Traum, aber ich hoffe auf eine Medaille“. So wie vor fünf Jahren schon, als sie in Rio de Janeiro die Goldmedaille gewonnen hat. Und damals mit einem ungewöhnlich deutlichen Vorsprung: 1:56:32,1 Stunden betrug ihre Siegerzeit, sie schlug 17 Sekunden vor der Italienerin Rachele Bruni an.

Ich wollte etwas Neues lernen.

Sharon van Rouwendaal

Für den neuerlichen Coup ist van Rouwendaal durchaus ein Risiko eingegangen. Sie hat sich nach sieben Jahren in Narbonne in Frankreich von ihrem Erfolgscoach Philippe Lucas getrennt – sehr emotional: „Du hast mich zum Weinen und Lachen gebracht. Du hast an mich geglaubt und etwas gesehen, was andere Leute nicht gesehen haben“, schrieb sie im Sommer 2020 bei „Instagram“. „Ich hatte das Gefühl, nicht besser zu werden“, berichtete sie ein Jahr später der Volksstimme. „Ich wollte etwas Neues lernen.“ Sie kam nach Magdeburg, sie wurde ein Mitglied der SCM-Familie unter Trainer Bernd Berkhahn. Und wenngleich sie auch in Frankreich in den Einheiten eine breite Konkurrenz hatte, ist sie zu der Feststellung gekommen: „Die Magdeburger Gruppe ist besser.“

Nicht nur, dass sie an ihrer Technik, an ihrer Athletik und an ihrer Kraft gearbeitet hat in dem „harten Training“, das Berkhahn ihr anbietet. Van Rouwendaal hat sich auch einer weiteren Sprache gewidmet. Der deutschen natürlich. Neben Niederländisch, Französisch und Englisch ihre vierte Sprache, Portugiesisch will sie außerdem lernen. Van Rouwendaal ist in ihrer Staatsbürgerschaft Niederländerin, aber sie fühlt sich den Franzosen näher. In Frankreich hat sie nicht nur trainiert, dort hat sie auch mit ihren Eltern gelebt bis 2009, bis es sie nach Eindhoven zurückverschlug. „Ich bin international“, meinte sie lachend.

Was sie international noch nicht geschafft hat, ist der Sieg bei einer Weltmeisterschaft. „Das möchte ich noch erreichen, 2022 möchte ich Gold holen“, betonte sie. Und dafür will sie sich nach den Sommerspielen in Tokio weiterhin in Magdeburg vorbereiten. „Es läuft sehr gut.“ Mit der Gruppe war sie auch zur Vorbereitung in die Sierra Nevada (Spanien) und weiter nach Andorra gereist. Und hat in dieser Zeit die spanische Meisterschaft gewonnen. Unter anderem gegen die dreimalige 25-Kilometer-Weltmeisterin Ana Marcella Cunha aus Brasilien, eine der stärksten Rivalinnen, auf die sie in Tokio treffen wird. „Ich wollte ein Zeichen setzen“, berichtete sie. Es war das Zeichen, dass die Konkurrenz Sharon van Rouwendaal im Odaiba Marine Park nicht aus den Augen verlieren sollte.

Die Kulisse ist beeindruckend.

Finnia Wunram

Auch Finnia Wunram nicht. Seit zwei Jahren hat sie diese Sommerspiele fest im Blick. Nun ist sie in Tokio. Und inzwischen hat die 25-Jährige vom SC Magdeburg so viele Eindrücke gesammelt, dass „ich damit erst einmal klarkommen musste“, berichtete sie. Sie hat sich zum Beispiel ein Fahrrad gemietet und ist durch das olympische Dorf getourt. Sie ist so vielen Menschen begegnet wie schon lange nicht mehr. Auch in der überdimensional großen Mensa. Wo es übrigens „alles gibt“. Salate, Pizza, Burger, Nudeln, Reis, Steak. Und dies rund um die Uhr.

Finnia Wunram hat auch Rennen im Tokyo Aquatics Centre gesehen, punktuell hat sie diese besucht. Sie hat die Bronzemedaillen der Teamgefährten Sarah Köhler und Florian Wellbrock bejubelt. Aber „ich bin danach sofort wieder gegangen. Mein Fokus liegt auf meinem Freiwasser-Rennen am Mittwoch.“ Und das wird in Tokio um 6.30 Uhr gestartet, nach Magdeburger Zeit bereits am Dienstag um 23.30 Uhr. Was eine ziemliche Umstellung für die Athleten bedeutet. „Wir haben unseren Rhythmus darauf eingestellt.“ Immerhin muss sie um 2.30 Uhr aufstehen. Es sind dann 20 Minuten mit dem Shuttle zu einer Strecke, von der sie berichtete: „Die Kulisse sieht beeindruckend aus mit den Hochhäusern und der Brücke im Hintergrund.“

Wie van Rouwendaal sowie Wellbrock und Rob Muffels, die beide einen Tag später zur gleichen Zeit starten, hat auch Wunram gestern zum ersten Mal das Wettkampfgebiet über die zehn Kilometer erforscht. Wie alle hat sie sich mit dem Viereckskurs beschäftigt, den sie immerhin siebenmal absolvieren muss. Das bedeutet: viele Bojen. „Aber Bojen kann ich relativ gut“, berichtete sie im Vorfeld über ihre Qualitäten in den engen Kurven. Über die Strecke sagte sie: „Der Kurs ist an sich relativ einfach zu schwimmen. Einzige Schwierigkeit ist, dass die Sonne zum Finish sehr blendet und dass das Wasser sehr trüb ist. Ich kann kaum meine Hand unter Wasser sehen.“

Sieben Runden bedeuten zugleich viele Verpflegungen. Und diese sind wichtig, um auch die Körpertemperatur im erträglichen Rahmen zu halten. „Wir werden mit kalten Getränken versorgt“, so Wunram. Denn die größte Herausforderung wird es sein, auch bei etwa 29 Grad Wasser- und 28 Grad Lufttemperatur die Leistungsfähigkeit voll auszureizen. Wie es Wunram mit dem achten Platz über die olympische Distanz und mit Silber über 25 Kilometer bei der WM 2019 gelungen war.

Sie hat allerdings seit Februar 2020 keinen ernsthaften Wettbewerb mehr bestritten. Bei der spanischen Meisterschaft während des Höhentrainingslagers ist sie Vierte geworden. „Da ging es für mich aber weder um Zeit noch Platzierung. Da wollte ich noch einmal alle Abläufe vor dem Rennen verinnerlichen, ich wollte wieder die zehn Kilometer im Freiwasser durchschwimmen“, erklärte Wunram. Wie auch den olympischen Wettbewerb. Aber nicht nur das. „Ich hoffe auf eine bessere Platzierung als Rang acht.“