Gelsenkirchen (dpa) - Leroy Sané verzichtete auf triumphierende Gesten. "Jubeln konnte ich nicht so richtig", gab der Star von Manchester City zu. Aus Respekt vor seinem ehemaligen Club FC Schalke 04, bei dem er zum Nationalspieler reifte, hielt sich der 23-Jährige betont zurück.

Die Aussagen des Stürmers klangen wenig euphorisch, obwohl er nur sieben Minuten nach seiner Einwechslung mit einem genialen Freistoß (85.) zum 2:2 die Wende zu Gunsten des englischen Meisters in einem hin- und herwogenden Achtelfinal-Hinspiel der Champions League eingeleitet hatte. Raheem Sterling erzielte in der 90. Minute das Siegtor zum 3:2 (1:2) für die nach "Gelb-Rot" für Innenverteidiger Nicolas Otamendi (68.) dezimierten Gäste.

"Klar habe ich mich ein bisschen für unsere Mannschaft und unseren Erfolg gefreut. Aber es schmerzt natürlich auch, gegen meine alte Liebe das Tor zu erzielen. Gerade, weil die Schalker es auch sehr stark gemacht und es uns sehr schwer gemacht haben", sagte Sané. Etwas überraschend hatte Trainer Pep Guardiola ihn im Gegensatz zum gebürtigen Gelsenkirchener Ilkay Gündogan nicht in die Startelf berufen.

Sané war deshalb zunächst enttäuscht, sog aber die stimmungsvolle Atmosphäre an seiner alten Wirkungsstätte auch auf der Bank auf. "Ich muss ehrlich zugeben, dass ich in der ersten Hälfte, als die Fans die Mannschaft so richtig angefeuert haben, wieder ein bisschen Gänsehaut hatte. Im Endeffekt war ich dann froh, dass ich doch noch reingekommen bin und spielen durfte."

Froh war auch sein Trainer, der seinen Lieblingsschützling beim Stand von 1:2 in der 78. Minute brachte und ihm später dankte: "Leroys Freistoß war unglaublich. Er trainiert das jeden Tag viele Male. In solchen Situationen macht die Qualität der Spieler den Unterschied." Auch die englischen Zeitungen waren entzückt. "Es sah nach einer erschütternden Nacht aus, wurde dann aber zu einem denkwürdigen Ereignis. Leroy Sanés später Ausgleich und Raheem Sterlings Treffer bescherten City einen famosen Sieg", schrieb "The Guardian". Und "The Independent" titelte: "Sané spornte City zu einer überwältigenden Aufholjagd an."

So schön das Resultat für das Millionen-Ensemble war (Guardiola: "Das Ergebnis ist gut. Aber wir sind noch nicht im Viertelfinale"), so ernüchternd war es für Königsblau. In Sachen Moral, Kampf, Wille und Einsatz war dem krassen Außenseiter nichts vorwerfen. Doch die spielerischen Unzulänglichkeiten und Konzentrationsschwächen vor allem in der turbulenten Schlussphase waren eklatant. Zu allem Überfluss drohen weitere Personalprobleme. Guido Burgstaller und Weston McKennie verletzten sich und müssen sich einer MRT-Untersuchung unterziehen, wie Schalke am Donnerstag mitteilte.

Das in der Bundesliga auf Platz 14 durchgereichte Team von Domenico Tedesco verpasste die große Chance, Selbstvertrauen für die Aufgaben im Pokal und Meisterschaft zu tanken und zumindest bis zum Achtelfinal-Rückspiel der Königsklasse am 12. März stolz zu sein und vom Viertelfinale zu träumen. Denn trotz des kapitalen Fehlers von Torwart Ralf Fährmann, als er mit einem fatalen Pass zum von David Silva bedrängten Abwehrspieler Salif Sané den 0:1-Rückstand durch Sergio Agüero (18.) einleitete, hatte Schalke alle Trümpfe für einen magischen Europapokal-Abend in der Hand.

Mit zwei sicher verwandelten Strafstößen (38./45.) von Nabil Bentaleb bekam der Revierclub Oberwasser. Und 54 417 Zuschauer in der ausverkauften Arena rieben sich verwundert die Augen, weil nach Otamendis Platzverweis eine Sensation in der Luft lag. Doch Schalke hat nicht mehr die Klasse des Vizemeister-Teams der Vorsaison und schaffte es auch in Überzahl nicht, den Vorsprung über die Zeit zu retten oder zumindest ein achtbare Remis zu erzielen.

Tedesco kam sich vor wie auf einer Gefühlsachterbahn. "Wenn man bis kurz vor Schluss 2:1 führt, hofft man natürlich auf ein anderes Ergebnis. Aber es war ein bisschen ein Spiegelbild dieser Saison", kommentierte der 33-Jährige nach dem frustrierenden Europapokalabend.

Da hatte Schalke drei Tage vor dem Ligaspiel in Mainz endlich einmal das lange vermisste Spielglück, stand aber wieder mit leeren Händen da. Weder Guardiolas noch Tedescos Lob konnte die Profis trösten. "Mir hat es richtig Spaß gemacht, die Elf zu coachen. Unsere Fans waren voll da, wir haben es auf dem Platz gut gemacht. Die Jungs haben Gas gegeben", sagte Tedesco. Unter dem Strich blieb Schalke nur die ernüchternde Erkenntnis, dass City ein Schwergewicht im europäischen Fußball mit Titelchancen ist und signifikant mehr individuelle Klasse hat. Tedesco: "Wir müssen cleverer sein und etwas daraus lernen."

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