Weißenfels l Die Zeitumstellung kam für Dominic Bösel genau richtig. Durch die gewonnene Stunde in der Nacht zum Sonntag war genug Zeit für die Party im Schkeuditzer Airport-Hotel „Globana“. Und der Kämpfer aus Freyburg an der Unstrut hatte auch genug zu feiern. Am letzten Mittwoch wurde er 29 Jahre alt. Und dann ließ er am Sonnabend im Ring der Weißenfelser Stadthalle auch keine Diskussionen über seinen Sieg aufkommen. Strittig war nur, welcher Punktrichter bei seinem Urteil (115:113, 118:111 und 116:113) dem hochklassigen Kampf um die EM-Krone im Halbschwergewicht am besten gerecht wurde.

Bösel überraschte Kölling

Bösel hatte Kölling damit überrascht, indem er gleich das Kommando übernahm und die ersten beiden Runden klar für sich entschied. „Diese Taktik hatten wir uns zurecht gelegt, um Enrico zu zermürben und keine Aktionen von ihm zuzulassen. Denn er kann auch paar harte Hände schlagen“, erklärte Bösel mit auf seinem Körper klebenden goldenen Konfetti noch im Ring seinen perfekt aufgegangenen Kampfplan.

Während Bösel mit seinem Tross ausgelassen Party machte, musste sich Kölling mit seinem Team rund 40 Kilometer weiter südlich in Osterfeld im Atrium-Hotel immer wieder die Frage gefallen lassen, warum er erst so spät in den Kampf gefunden hatte. „Eigentlich wollte ich das Tempo hochhalten, damit er am Ende müde wird. Aber ich habe zu spät damit angefangen. Zum Schluss hat Dominic zwar auch bisschen nachgelassen, nur konnte ich keinen entscheidenden Schlag landen“, ärgerte sich Kölling. Und sein Trainer Stephan Kühne: „Wenn Enrico mal getroffen hatte, freute er sich über den Schlag, statt entschlossen nachzugehen.“

Bösel in starker Verfassung

Ist vielleicht auch leichter gesagt als getan. Denn Bösel präsentierte sich nach fast siebenmonatiger Ringpause in erstaunlich guter Verfassung. Die Operation an der Achillessehne hat sich ausgezahlt. Bösel konnte durch die Verletzung vor seinen letzten Kämpfen kaum richtiges Lauftraining absolvieren. Das war nun anders. Bösel: „Hinten raus kam Enrico natürlich auf und hat auch paar ganz gute Bomben reingehauen. Aber darauf war ich vorbereitet, habe nach Treffern immer wieder gekontert und mich auch viel bewegt.“

Schön auch, dass sich die beiden Kämpfer nach dem letzten Gong und dem Zoff im Vorfeld herzlich umarmten. Kölling: „Dominic hat das gut gemacht und verdient gewonnen. Glückwunsch. Aber ich stehe auch gerne für einen Rückkampf bereit.“

Bösel will WM-Kampf

Das dürfte aber nur eine langfristige Option sein. Denn Bösel will sich endlich den Traum von einem WM-Kampf erfüllen. „Darauf habe ich jetzt hingearbeitet, ich will unbedingt um einen WM-Gürtel kämpfen“, sagte Bösel, der durch seinen Sieg in den Ranglisten aussichtsreich nach vorne rücken dürfte.

In den vier großen Verbänden warten allerdings harte Brocken. Der Kolumbianer Eleider Alvarez trägt die Krone in der WBO, der Russe Artur Beterbiev die der IBF. In der WBC kommt mit Adonis Stevenson der aktuelle Titelträger aus Kanada und in der WBA mit Dmitry Bivol aus Russland. Bösel: „Das sind natürlich alles echte Top-Leute. Aber wenn sich die Chance bietet, dann will ich sie auch nutzen. Auf was will ich denn sonst noch warten? Außerdem will ich mir irgendwann nicht selbst vorwerfen, es nicht wenigstens versucht zu haben.“ Zumal er nicht komplett ins Risiko gehen müsste. Bösel: „Dafür müsste ich zwar meinen EM-Gürtel niederlegen. Aber den kann ich mir ja auch wieder zurückholen.“

Steinforth schwärmt vom Kampf

Für SES tun sich also zahlreiche Varianten auf. Promoter Ulf Steinforth: „Erst einmal bin ich unheimlich stolz auf diesen Kampf. Das war Werbung für das deutsche Boxen. Wie es mit Dominic weitergeht, werden wir in den nächsten Wochen sehen. Da ist vieles möglich. Und bei Enrico bietet sich jetzt auch ein Kampf gegen Adam Deines an.“