Magdeburg. Wenn Francesco Pianeta am Sonnabend in Mannheim gegen Weltmeister Wladimir Klitschko in den Ring tritt, dann tut er das ohne Furcht vor dem Gegner, aber mit großer Demut vor dem Leben. Denn das hing vor drei Jahren nach der Diagnose Krebs am seidenen Faden. Der 28-jährige SES-Boxer stellte sich dem schwersten Kampf außerhalb des Rings - und gewann ihn.

Francesco Pianeta sieht der Wahrheit geradewegs ins Auge. Sein bewegtes Leben hat ihn gelehrt, dass es so das Beste ist. Dass Ausweichen oder Wegschauen Probleme nicht löst, sondern nur hinausschiebt. Und so macht sich der Deutsch-Italiener, in Kalabrien geboren, im Ruhrpott aufgewachsen, auch nichts vor, was seine Siegchancen in diesem vermeintlichen Box-Kampf David gegen Goliath betrifft. Pianeta weiß, dass wohl nur die waghalsigsten Zocker einen Pfifferling auf ihn setzen würden. "Ich kenne die Statistiken. Und ich kenne die Quoten und Prognosen. Natürlich bin ich der klare Außenseiter. Aber ich habe nichts zu verlieren, gar nichts."

Das haben vor dem Herausforderer vom Magdeburger Boxstall SES schon viele leichthin gesagt. Allerdings ohne dass sich Wladimir Klitschko wirklich ernsthaft hätte Sorgen machen müssen. Den 37-jährigen Ukrainer hat in seiner glanzvollen Karriere kaum ein Gegner in Gefahr bringen können. In 62 (!) Kämpfen scheiterten bis auf drei am Ende alle mehr oder weniger kläglich.

Doch bei Pianeta, das weiß der Vierfach-Weltmeister der WBO, WBA, IBF und IBO spätestens seit dem gemeinsamen Sparring vor einem Jahr nur zu genau, dass in den Worten eine riesige Portion Lebensweisheit steckt. Und wohl vor allem sie macht ihn zu einem wirklich ernstzunehmenden Gegner des Schwergewichts-Dominators: "Francesco ist jung und hungrig auf den Erfolg. Er hat keine Angst. Wer den Krebs besiegt und dem Tod in die Augen geblickt hat, der kennt keine Angst."

Irgendwann bekam "das Böse" einen Namen: Krebs!

Das mag vielleicht pathetisch klingen, aber Klitschkos Aussage trifft den Nagel auf den Kopf. Denn vor drei Jahren stand Francesco Pianeta, der junge, aufstrebende, ehrgeizige Schwergewichtler, tatsächlich einem Gegner gegenüber, der ihn das erste Mal im Leben wirklich Angst einjagte. Todesangst.

Einen Namen bekam "das Böse Gegenüber" jedoch erst, als der behandelnde Arzt es "völlig emotionslos und kühl" aussprach. Lange, viel zu lange, habe der Boxer davor versucht, "das Ding, das ich doch deutlich ertasten konnte, zu ignorieren". Irgendwann entschloss er sich, doch zum Arzt zu gehen. Auf einmal ging alles rasend schnell: Befund. Operation. Warten. Hoffnung. Bangen. Beten.

Und dann kam er doch, der Satz, den Pianeta nicht hören wollte, der ihm den Boden unter den Füßen wegzog. "Der Tumor ist bösartig, Sie haben Hodenkrebs! Ich stand völlig neben mir, wusste nicht, was ich machen soll", blickt Pianeta auf den 10. Februar 2010 zurück. Den Tag, der den schwersten Kampf seines Lebens einläutete.

Die Vorstellung, seinen damals vierjährigen Sohn Luciano nicht aufwachsen sehen zu können, der Gedanke, mit Ehefrau Concetta nicht alt werden zu können, oder dass die Mutter den Sohn zu Grabe tragen müsse, waren unerträglich. Aber diese Ängste gab der Boxer nicht preis. Er hatte sich zunächst entschlossen, den Kampf mit dem Krebs alleine auszufechten. "Ich hatte höllische Schmerzen, ich war völlig am Ende. Aber ich wollte nicht, dass jemand davon erfährt. Ich wollte kein Mitleid. Also habe ich allen, auch meiner Familien, erzählt, dass ich einen Leistenbruch hätte."

Bis zu Ende durchgehalten hat Pianeta das Ganze nicht. Der Arzt riet ihn zur Wahrheit, da die folgenden zwei Chemotherapien hammerhart werden würden. "Er war der Meinung, ich würde diese Qualen nicht alleine durchstehen können. Also habe ich die ganze Familie daheim zusammengerufen und ihnen schweren Herzens gesagt: Ich habe euch angelogen. Ich habe keinen Leistenbruch, ich habe Krebs", so der Boxer.

Was dann folgt, schmerzt die Seele so sehr, dass allein die Erinnerung daran Francesco Pianeta auch heute noch zu Tränen rührt: "Meine Mutter hat ihre Hände vors Gesicht geschlagen und immer wieder gefragt: ,Warum? Warum mein Junge?\' Es tat mir so weh, Mama meinetwegen leiden sehen zu müssen. Da bereute ich bitter, sie vor der grausamen Wahrheit nicht verschont zu haben ..."

Aber das war nicht die einzige bittere Erkenntnis, die der Krebs mit sich brachte. Auch musste der Faustkämpfer erleben, dass er nach den Chemos zwar als "geheilt" galt. Aber der Modellathlet, das war einmal ... "Ich hatte elf Wochen nicht trainiert und sah erbärmlich aus: Aufgedunsen, 130 Kilo schwer, Glatze. Ich erinnere mich noch an mein erstes Training: Da war mein Puls nach einer Minute Laufen schon bei 176. Ich war total traurig und niedergeschlagen und dachte, ich werde es nie wieder zurück in den Ring schaffen."

Was nicht weniger schlimm war: Der Krebs hatte unwillkürlich auch eine Trennlinie durch den Freundeskreis gezogen. Sie teilte gnadenlos die echten von den falschen Freunden: "Insgesamt acht Monate hat es gedauert, bis ich wieder im Ring stand. Mir ging\'s schlecht, ich konnte nicht kämpfen und Geld verdienen. In dieser Zeit habe ich große menschliche Enttäuschungen erlebt, die ich so nicht erwartet hätte. "

Weder Mensch noch Boxer, sondern nur eine Ware

Eine davon war, dass der Sauerland-Stall, bei dem die Schwergewichts-Hoffnung bis dato unter Vertrag stand, ihn "einfach fallengelassen" habe. Auch Trainer Ulli Wegner. Pianeta: "Niemand hat sich um mich gekümmert. Ich bekam kein Geld mehr, nichts. Da habe ich gemerkt, dass ich weder Mensch noch Boxer bin, sondern einfach nur eine Ware."

Der Gelsenkirchener, der ein Jahr nach der Krebs-Diagnose ein erfolgreiches Comeback im Ring gefeiert hatte, zog seine Konsequenzen. Er kündigte bei Sauerland. Bei der Suche nach einem neuen Arbeitgeber traf er zufällig Robin Krasniqi, der beim Magdeburger Stall SES seine sportliche Heimat gefunden hatte. "Robin hat den Kontakt zu Ulf Steinforth hergestellt. Ich habe die Trainer kennengelernt und die anderen Jungs vom Boxstall. Und ich habe gespürt: Hier bist du willkommen, die glauben an dich. Von dem Moment an habe ich wieder Hoffnung geschöpft und Licht am Ende des Tunnels gesehen."

Das Happyend nach der "besten Entscheidung meiner Box-Karriere" ist ein Grund mehr, dass der in mittlerweile 28 Profikämpfen ungeschlagene Pianeta sogar ungeheure Kraft aus dem dunkelsten Kapitel seines Lebens zieht: "Ohne die Erfahrungen aus dieser schweren Zeit wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin. Ich bin verdammt froh und dankbar, dass es mir und meiner Familie wieder gutgeht. Jetzt kann ich mich wieder auf mein anderes großes Ziel konzentrieren: Den Kampf gegen Wladimir Klitschko."