Wattenscheid/Magdeburg l Als Boxer ist es Agit Kabayel gewohnt, auch mal Schläge wegzustecken. Doch die Corona-Pandemie traf den SES-Schwergewichtler fast so, als hätte er ohne Deckung eine satte Rechte seines Gegners genommen. „Ich war vor einigen Wochen richtig am Boden und so verzweifelt, dass ich sogar mit Boxen aufhören wollte. Bei mir ging zuletzt ja wirklich alles schief. Ich war deshalb total schlecht gelaunt, konnte kein Gym mehr sehen. Das grenzte schon an Depression“, verrät Kabayel.

Nachdem sein für den 28. März geplanter Kampf gegen den Polen Mariusz Wach in der Getec-Arena aufgrund der Pandemie und dem Veranstaltungsverbot abgesagt werden musste, ist Kabayel inzwischen seit über einem Jahr ohne Kampf. „Im Portal ‚boxrec‘ werde ich deshalb schon unter inaktiv geführt und bin nicht mehr in den Ranglisten vertreten. Das tut richtig weh, weil ich es eigentlich gewohnt war, regelmäßig in den Ring zu steigen“, sagt er.

Debüt in USA fällt aus

Doch auch sein Debüt in den USA fiel kurzfristig aus. Für den 18. Januar war Kabayel beim Kampfabend im Turning Stone Resort Casino Verona (USA) gegen Victor Bisbal aus Puerto Rico angesetzt. Aber weil er das Visum nicht rechtzeitig bekam, wurde er wieder von der Fightcard genommen.

So war der Kampf am 2. März 2019 im Magdeburg Maritim-Hotel sein letzter Auftritt und liegt damit schon über ein Jahr zurück. Damals hat Kabayel seinen EM-Gürtel gegen den Ukrainer Andriy Rudenko verteidigt, ihn dann aber aufgrund des Vertrages mit der Promoter-Agentur Top Rank und dem TV-Giganten ESPN abgelegt. Dadurch fiel auch das mögliche spektakuläre Duell gegen den Engländer Joe Joyce aus.

Kabayel schiebt Frust

Weil die Kämpfe von Kabayel künftig auch auf ESPN zu sehen sein sollen, war er als Kämpfer zudem nicht mehr auf den letzten SES-Veranstaltungen im vergangenen September (Stadthalle Magdeburg) und November (Messe Halle) vertreten. Kabayel: „Dass die Pause aber so lang wird, ist echt frustrierend. Und für die letzten zwei Absagen kann ich ja selbst gar nichts. Im Gegenteil. Ich war richtig gut drauf und habe mich auf die Kämpfe gefreut.“

Während ihn das Portal „boxrec.com“ schon aus den Ranglisten gestrichen hat, ist er aber auf den Portalen der großen Verbände immer noch gelistet. Am besten bei IBF, wo er sogar auf Rang vier steht und damit ernsthafte Aussichten auf einen WM-Kampf hat.

SES kämpft um Platz in Ranglisten

Neben SES auch noch Top Rank im Rücken zu haben, erhöht die Chancen dafür gewaltig. Allerdings: Wichtig ist, seine Plätze in den Ranglisten zu behalten. SES-Promoter Ulf Steinforth hat deshalb in den letzten Wochen ordentlich das Telefon bemüht, um sich für seinen Schützling starkzumachen.

Kabayel: „Ich hätte ja gekämpft, aber durfte nicht. Daraus sollte in der ganzen Krise für mich jetzt kein Nachteil entstehen.“ Und da auch nach Wertigkeit des Boxers entschieden wird, muss Kabayel dank seiner Promoter im Rücken wohl nicht das Allerschlimmste fürchten.

Fitness im Garten

Derzeit hält er sich mit Fitnessübungen im Garten fit und geht gelegentlich joggen. Kabayel: „Da ich den Körper zweimal umsonst hochgefahren habe, muss ich jetzt ein bisschen kürzer treten und darf als Schwergewichtler nicht überpowern. Hier und da hat es auch schon gezwickt.“

Dass er trotzdem sein Gewicht einigermaßen hält, darauf passt Mama Hatice auf. „Beim Essen muss ich schon darauf achten, dass nicht zu viel auf die Hüfte geht. Einmal in der Woche gönne ich mir aber auch mal einen richtigen Burger“, erzählt Kabayel und verrät auch den aktuellen Stand der Waage: „Ich wiege jetzt so um die 115 Kilo. Da bin ich so sieben Kilo über meinem Wettkampfgewicht.“

Pläne für sein Comeback

Bis er im Wettkampf wieder mit Fäusten austeilen kann, lenkt er sich auch mit dem Schauen von Serien und vor allem an der Konsole ab. „Ich bin ein großer Playstation-Fan und spiele am liebsten Fortnite“, verrät der 1,91 Meter große Kämpfer, der sich natürlich viel lieber ein Video seines letzten Kampfes angeschaut hätte. Und durch ESPN, das größte Sport-Mediennetzwerk der Welt, wäre das auch entsprechend platziert worden.

Nach seinem Tief hat Kabayel aber inzwischen schon wieder konkrete Pläne für sein Comeback. „Gleich gegen einen Gegner der Klasse von Wach zu boxen, kann gefährlich sein. Ich brauche ein, zwei Aufbaukämpfe für die Ringpraxis. Wenn wir wieder boxen dürfen, sollen sie für mich sofort einen Kampf ansetzen. Dann brauche ich ein paar Wochen Vorbereitung und los geht’s. Notfalls boxe ich auch in einer leeren Halle“, erzählt Kabayel.

Notfalls auch bereit für Geisterkampf

Auf Dauer sind Geisterkämpfe aber kein Thema. „Ein Duell mit Wach wäre viel zu schade für einen Geisterkampf. Da braucht man als Boxer auch die Emotionen der Zuschauer. Sonst ist das ja wie eine Sparringseinheit“, meint er. Aber selbst die würden Kabayels Seele erst einmal richtig guttun.