Berlin/Magdeburg l Während Dominic Bösel am Sonnabend vor seinem Kampf sogar noch Gummibärchen nascht, muss sein Gegner streng auf die Ernährung achten. Statt Süßigkeiten hat Enrico Kölling Insulinspritzen dabei.

Diabetes-Diagnose 2015

Kölling ist Diabetiker und hat den wichtigsten Kampf seiner Karriere außerhalb des Box-Rings gewonnen. Im Februar 2015 verlor er nach einem schwachen Kampf den WBA-Interconti-Gürtel gegen den Italiener Mirco Ricci, fühlte sich danach schlapp, nahm in einer Woche mehrere Kilo ab, hatte einen extremen Harndrang und ständig Durst. Kölling: „Irgendwann bin ich damals zum Arzt und bekam eine Diagnose, die schlimmer als ein K.o. in der 1. Runde war. Ich wurde sogar mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren und lag drei Tage auf der Intensivstation. Als mir eine Schwester auch noch sagte, dass ich mir jetzt besser einen Beruf am Schreibtisch suchen sollte, habe ich sogar die halbe Nacht geweint.“

Doch die Tränen sind längst getrocknet und Köllings Augen sprühen vor Ehrgeiz. Denn mit der Krankheit hat er sich längst identifiziert und spritzt sich das notwenige Insulin mehrmals täglich selbst. Kölling: „Ich habe Diabetes Typ 1, der entweder angeboren ist oder in der Kindheit entsteht. Auch wenn das bei mir früher entdeckt worden wäre, hätte man nichts verhindern können“, so Kölling, der inzwischen auch einer der Botschafter für die Deutsche Diabetes-Hilfe ist. Kölling: „Ich will beweisen, dass man mit dieser Krankheit selbst auf hohem Niveau Sport machen kann.“

Was vor ihm auch schon andere schafften. Matthias Steiner wurde als Diabetiker 2008 Olympiasieger im Gewichtheben. Auch der britische Top-Ruderer Sir Steven Redgrave, der Gold bei fünf Olympischen Spielen in Folge holte, oder der frühere deutsche Hockeyspieler Carsten Fischer (Olympiasieger 1992) zeigten, dass man trotz der Zuckerkrankheit auch im Leistungssport erfolgreich sein kann.

Kölling hat strengen Ernährungsplan

Dafür bedarf es aber eines streng geregelten Ernährungsplanes. Kölling: „Als Sportler muss ich ja ohnehin immer darauf achten, was ich zu mir nehme. Jetzt mache ich das natürlich noch intensiver, trage in einer Tabelle ein, was ich gegessen und wie ich trainiert habe.“ Mit einem kleinen Messgerät kann er regelmäßig den Blutzuckerhaushalt kontrollieren. „Anhand der zu mir genommenen Kohlenhydrate sehe ich anhand einer Tabelle auch genau, wie viel Insulin ich mir spritzen muss, weil das meine Bauchspeicheldrüse ja nicht mehr selbst herstellt.“

Sogar direkt vor dem Kampf wird er sich deshalb noch einmal mit Insulin versorgen. Kölling: „Wie viel ich mir da spritzen muss, habe ich ja schon einige Male ausgetestet und Erfahrung gesammelt. Bei körperlicher Anstrengung fällt der Blutzucker, durch Aufregung und Stress steigt er dagegen. Ich muss also auch schon vor dem Kampf die richtige Mischung finden.“

Und die muss passen. Denn während des Kampfes ist selbst einem Diabetiker in den Pausen das Spritzen von Insulin verboten.