Berlin l Immer an der Wuhlheide entlang. Fast bis zum Stadion des 1. FC Union. Vorher rechts rein auf einen Discounter-Parkplatz. Und dann rein in das mit Graffiti bemalte Haus. Hier, in Berlin-Köpenick, befindet sich das Gym, in dem sich Enrico Kölling auf das Duell mit Dominic Bösel vorbereitet. Am Sonnabend (ab 22.50 Uhr im MDR) kämpfen die beiden SES-Halbschwergewichtler in der Stadthalle Weißenfels um den EM-Gürtel.

Vor elf Jahren verlor Bösel

Kölling vs. Bösel – das gab es 2007 schon einmal. Damals ging es bei den Junioren um die deutsche Krone im Mittelgewicht (bis 75 kg). Kölling siegte nach Punkten. Elf Jahre später will er sich aber nicht auf die Punktrichter verlassen. Kölling: „Dominic ist der Titelverteidiger, hat in Weißenfels nun mal einen großen Heimvorteil, ist schon lange bei SES und auch für den MDR eine feste Größe. Nach Punkten zu gewinnen, dürfte da sicherlich ziemlich schwer werden. Dafür müsste ich den Kampf dann schon ganz klar beherrschen und ihn zwischendurch auch einige Male zu Boden schicken.“

Aufgewachsen ist der 28-Jährige zwischen den Plattenbauten in Berlin-Marzahn. „Auch heute noch mein Kiez“, so Kölling, der sich als Amateur sogar bis ins Achtelfinale der Olympischen Spiele 2012 geboxt hat. Seit sechs Jahren ist er Profi und durfte im letzten November schon mal von der WM-Krone der IBF träumen. Doch in Kalifornien verlor er gegen den Russen Artur Beterbiev durch K.o. in der letzten Runde. Kölling: „Dieser Gegner ist eine Maschine. Da war leider nicht mehr drin.“

Sieger bekommt WM-Chance

Seinem bisher größten Kampf soll im Süden Sachsen-Anhalts nun der bisher größte Erfolg folgen. Kölling: „Der EM-Gürtel ist schon was. Außerdem ist dieser Kampf auch richtungsweisend. Denn der Sieger macht einen großen Sprung in den Ranglisten und könnte im nächsten Jahr gleich um eine WM boxen.“

Und gerade das Halbschwergewicht war ja viele Jahre eine deutsche Domäne. Kölling: „Über das legendäre Duell zwischen Henry Maske und Graciano Rocchigiani sprechen die Fans heute noch. Ich hoffe, dass man sich in 20 Jahren auch noch an einen großen Kampf zwischen Bösel und Kölling erinnern kann.“

Während Kölling nach vorne marschieren wird, dürfte Bösel seine Beweglichkeit ausspielen. Kölling: „Er ist technisch stark und schnell. Deshalb wird er viel unterwegs sein. Aber am Ende gewinnt der, der cooler bleibt.“

Eklat bei Pressekonferenz

Das dürfte auch schon heute bei der Pressekonferenz gefragt sein. Vor fünf Wochen stand Bösel bei der ersten PK im Schloss Neuenburg in Freyburg an der Unstrut nach drei Sätzen einfach auf. Grund dafür waren Köllings Bemerkungen vor dem im Juni in Leipzig geplanten Kampf. Der wurde damals kurzfristig abgesagt, weil sich Bösel an der Achillessehne operieren lassen musste. Für Kölling war das zu kurzfristig und deshalb nur vorgeschoben. „Ich stehe dazu, dass er da viel früher ein Signal hätte geben können. Aber dass er deshalb nun wie ein bockiges Kind aufgestanden ist, fand ich komplett übertrieben. Da hatte ich ihn eigentlich souveräner eingeschätzt. Aber noch einmal macht er das sicher nicht.“