Yeosu l Wenn Glückstränen einen Klang hätten, dann hätten jene von Bernd Berkhahn gestern ein aufwühlendes, ja herzzerreißendes Lied am Volksstimme-Telefon gespielt. „Unfassbar“, lauteten Titel und Refrain dazu. Und in der Strophe verkündete der 48-Jährige: „Unglaublich, wie dieses Mädchen diese Willenskraft, diese Power und noch diese Übersicht im Endspurt hatte.“

Das Mädchen trägt den Namen Finnia Wunram, 1,64 Meter klein, zierlich, Schwimmerin beim SC Magdeburg. Zum Abschluss der Freiwasser-Wettbewerbe in Südkorea gewann sie Silber über 25 Kilometer.

Seit 2004 bei Bernd Berkhahn

In jenem Klang und in jenen Worten ihres Trainers Bernd Berkhahn schwang nicht nur der ganze Stolz mit, sondern auch die Erleichterung, nach einer sehr langen gemeinsamen Reise an ein großes Ziel gekommen zu sein. Es war im Jahr 2004, als Finnia Wunram mit Mama Ute, Papa Jörg und Schwester Annika von Fleckeby nahe Eckernförde nach Elmshorn zog, Wunram begab sich mit ihrer großen Schwester in die sportliche Obhut des Coaches, der sie in den folgenden Jahren behutsam, schützend, ermutigend zu einer Weltklasse-Athletin entwickelte – ab 2012 in Magdeburg, wohin sie wie Rob Muffels ihrem Trainer folgte.

Und seither hat sie zwei Medaillen bei einer WM gewonnen: Bronze über fünf Kilometer 2015 in Kasan (Russland), Silber auf der längsten aller Strecken 2019 – ihr bislang größter Karriereerfolg. „Ich bin sehr glücklich“, teilte Wunram der Volksstimme mit, nachdem sie ihren Interview-Marathon im Yeosu Ocean Park und im angrenzenden Hotel „Venezia“ zurückgelegt hatte. „Besser hätte die WM für mich nicht laufen können mit Silber und der Olympia-Qualifikation.“

Starker Regen, hohe Wellen

Diese hatte sie sich mit Rang acht über zehn Kilometer gesichert. Ebenso wie Florian Wellbrock mit Gold und Muffels mit Bronze. Der 24-jährige Muffels und Sarah Köhler gewannen zudem Gold in der Staffel, womit die Magdeburger an vier von insgesamt fünf Freiwasser-Medaillen beteiligt waren. „Das ist großartig für die Trainingsgruppe“, hatte Berkhahn noch vor Wunrams Coup erklärt.

Wunram hat dabei etwas vollbracht, was ihr womöglich wenige zugetraut hatten – außer Wunram selbst, ihre Trainingsgruppe und Berkhahn. Und dies bei einem Wetter, das sie und ihr Erfolg wahrlich nicht verdient hatte. „Die Bedingungen waren wirklich schwer“, berichtete Wunram.

Graue Wolken türmten sich über dem Ocean Park, ließen teilweise starken Regen auf die Athleten niederprasseln. Wellen bäumten sich auf. „Ich hatte phasenweise schlechte Sicht“, sagte die 23-Jährige.

Kuchen oder Eis als Lohn

Bis zur Hälfte des Rennens hatte sie noch Führungsarbeit mit übernommen, dies dann anderen überlassen, weil „ich wusste, dass es zu viel Kraft kostet, wenn ich gegen die Wellen schwimme“. Und letztlich bahnte sich ein Spitzentrio den Weg zum Zielanschlag, aus dem sich Ana Cunha als erste absetzte. Die Brasilianerin schlug nach 5:08:03,0 Stunden zum dritten WM-Titel in Folge auf der Marathon-Distanz an. Mit 8,6 Sekunden Rückstand folgte die Magdeburgerin, mit 18,2 Sekunden Lara Grangeon aus Frankreich als Dritte.

Am Abend wollte sich Wunram zur Silber-Feier ein Stück Kuchen gönnen. Oder ein Eis. „Im Winter mag ich es mit Schokolade, im Sommer eher Fruchtiges“, berichtete sie. Solch einen Schmaus hat ihr Vater nun nicht vorbereitet nach der heutigen Heimreise seiner Tochter aus Südkorea. „Ich habe ihr Leberkäse versprochen, weil sie den gerne aufgebacken bei ihrer Oma in Bamberg isst“, erzählte Jörg Wunram lächelnd. Das ist genauso besonders wie der Klang der Glückstränen von Bernd Berkhahn.