Magdeburg l Zum Glück ist Yul Oeltze ein Wassersportler, sonst hätte man sich nach seinem Zielsprung bei den ersten Berlin Finals Anfang August ernsthafte Sorgen um seine Gesundheit machen müssen. So stürzte er aber auf keinen Stein und keinen Schotter, sondern eben nur in die Spree entlang der East Side Gallery aufgrund einer weitreichenden Rückenlage. „Spektakulär“, meinte er lächelnd zu seiner Einlage im Vorlauf des neuen Wettbewerbes der Kanuten, der zugleich als (inoffizielle) deutsche Meisterschaft ausgerufen wurde.

„Das war ein gutes Einer-Training für mich“, blickt der Magdeburger auf die Jagd nach dem Sieg über 160 Meter zurück, die er als Vierter beendet hatte. Denn auf den Einer-Canadier wird es für den 25-Jährigen mit Blick auf Olympia in Tokio noch ankommen – bei der nationalen Qualifikation im nächsten Jahr. Die Basis für ihren Start beim Sommerspektakel wollen Oeltze und Zweier-Partner Peter Kretschmer bereits bei der WM in Szeged (Ungarn) legen. Am nächsten Donnerstag startet das Duo in die Operation Triple-Gewinn.

Titeljagd im Hexenkessel

Für Oeltze könnte das Szeged Olympic Center in jeglicher Hinsicht also ein historischer Ort seiner Karriere werden. „Ich war 2011 noch als Junior zum ersten Mal bei der WM als Zuschauer dabei“, berichtet der Schützling von Detlef Hummelt über seine damalige Reise mit den Gefährten Nina Krankemann oder Michael Müller nach Ungarn. „Wir haben uns damals gesagt: Wie geil wäre es, wenn wir eines Tages hier bei einer WM starten würden.“ Acht Jahre später ist es also soweit.

Szeged ist für zwei Dinge bekannt: „Dort herrschen faire Bedingungen und ein schöner Rückenwind“, so Oeltze. Und: „Kanu ist in Ungarn ein Volkssport, da verwandelt sich die Regattastrecke in einen Hexenkessel.“

Starke internationale Konkurrenz

In diesem Kessel wird es auch für Oeltze und Kretschmer heiß, sehr sogar. Denn im Vergleich zu ihren Titelgewinnen 2017 und 2018 im C2 über die olympischen 1000 Meter „ist die Konkurrenz international wirklich stärker geworden“, sagt der Magdeburger. Nur ein Beispiel: Beim Weltcup im Juni in Duisburg fuhren die Franzosen auf Rang drei: „Die hatte nun wirklich niemand auf dem Zettel.“

Auf dem Wunschzettel der beiden steht nun: „Wir wollen das Optimale rausholen“, so Oeltze. Was im Idealfall Gold bedeutet. Das Training lief sehr gut, mental sind Oeltze und der Leipziger Kretschmer ebenfalls gewachsen, nachdem sie ob der langen WM-Qualifikation, in der sie sich in zwei nationalen und zwei internationalen Rennen gegen Sebastian Brendel/Jan Vandrey durchsetzten, in ein kleines Formloch gefallen waren. Was beide nicht gewundert hat. „Sowas wie bei der Europameisterschaft darf aber nicht noch einmal passieren“, betont Kretschmer, 27 Jahre, zum vierten Platz im Juni in Minsk, als sie im Zielsprint, müde von der langen Regatta-Reise im Vorfeld, die Konkurrenz ziehen lassen mussten. Es war ihre zweite Niederlage in dieser Saison, ihre erste, zugleich die erste nach zwei Jahren, hatten sie zuvor beim Weltcup in Duisburg hinnehmen müssen. Gegen starke Chinesen.

Man darf Kretschmer aber vertrauen, wenn er die Stärke des Bootes benennt: „Wir sind Wettkampftypen, die über sich hinauswachsen, wenn es darauf ankommt.“ Das wollen sie auch in Szeged, wenn sie primär um den Quotenplatz (Top-Sechs) für Tokio fahren. Aber sie wollen mehr: den Titel. Selbst wenn ein Zielsprung mit Sturz ins Wasser dafür nötig wird.