Magdeburg l Nadine Müller zaubert sich selbst ein Lächeln ins Gesicht, wenn sie auf ihr Alter zu sprechen kommt. Vielleicht spricht sie es gleich selbst an, um sich nicht erst der vermeintlichen Frage stellen zu müssen. Oder sie kokettiert eben gerne mit ihren Lenzen. Man weiß es nicht. Der Gesprächspartner denkt sich nur: „Mensch Mädchen, du bist doch erst 33.“

Silber in Berlin

Aber okay, lassen wir die Szene vom vergangenen Sonntag im Keller des Berliner Olympiastadions noch einmal Revue passieren: Die Diskuswerferin vom SV Halle, gerade mit Silber bei den deutschen Meisterschaften dekoriert worden, ging leicht in die Knie, kniff die Augen zusammen, atmete kräftig durch die Zähne hindurch ein, erklärte dann lächelnd und ganz langsam: „Ich gehe ja auf die 40 zu.“ Und ergänzte ebenso lächelnd: „Ach Quatsch.“

Quatsch darf sein, wenn man bedenkt, dass sie mit Platz zwei in Berlin mit 63,99 Metern das Ticket für ihre siebten Weltmeisterschaften gelöst hat. So ist es zumindest zu vermuten, der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) veröffentlicht erst heute das Aufgebot für die WM in Doha (Katar/28. September bis 6. Oktober).

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Craft oder Vita?

Im Diskuswerfen der Frauen wird aber allenfalls eine Härtefall-Entscheidung für den dritten Startplatz zwischen der Berlin-Dritten Shanice Craft und der Vierten, aber Ranglistenbesten (66,64) Claudine Vita fallen. Normalerweise.

Müller rechnet jedenfalls mit ihrem WM-Start. Sie hat schon einen Plan: Sie wird in Kienbaum mit Meisterin Kristin Pudenz (64,37) trainieren, sie wird unmittelbar vor Doha nach Belek (Türkei) reisen.

Mehr Pausen für die Regeneration

Die Hallenserin hat sich „mehr regenerative Pausen“ in diesem Jahr gegönnt. Nicht aus Altersgründen. Sondern aus der Erfahrung der vergangenen Saison heraus, als sie lange mit Verletzungen zu kämpfen hatte. „Ich bin gesund durchgekommen“, resümierte sie nun hocherfreut. „Auch wenn noch nicht alles 100-prozentig zusammenpasst, habe ich gezeigt, dass ich die Scheibe wieder auf Weiten zwischen 64 und 65 Metern werfen kann“, erklärte sie.

Ihr Saisonbestwert steht immerhin bei 64,52 Metern. Entsprechend viel hat sie sich für Doha vorgenommen: „Ich möchte unter die besten sechs kommen, aber natürlich liebäugel ich mit einer Medaille.“ Mit ihrer dritten nämlich nach Silber 2011 in Daegu und Bronze 2015 in Peking.

Vizeweltmeisterin in Peking

In Peking ist Cindy Roleder über 100 Meter Hürden damals Vizeweltmeisterin geworden, in Berlin wurde sie zuletzt zum dritten Mal deutsche Meisterin. Quasi unbeachtet. Als sie am vergangenen Sonnabend in die Mixedzone des Olympiastadions eintrat, schwer atmend und verschwitzt, wurde sie von keinem Journalisten wahrgenommen. Die Reporter scharten sich um Konstanze Klosterhalfen, die viel über ihren Sieg, ihren 5000-Meter-Rekord (14:26,76 min), ihren Wechsel ins Nike Oregon Projekt in den USA zu berichten hatte.

Roleder, 29, muss in Sachen Nominierung nichts befürchten. Sie wird wohl die einzige Hürdensprinterin in Doha sein, weil Pamela Dutkiewicz, ihre härteste Konkurrentin national, die Saison längst verletzungsbedingt beendet hat.

Zwei Trainer für Roleder

Roleder, die für den SV Halle startet, sich von Coach Wolfgang Kühne die Trainingspläne schreiben lässt, diese aber in Leipzig unter Jan May umsetzt, lief entsprechend einsam zu Gold in Berlin. „Ich bin zufrieden mit meiner Leistung“, erklärte sie zu 12,90 Sekunden. „Es war nicht einfach, alleine zu laufen, die anderen Top-Mädels waren nicht am Start oder sind noch nicht in Form.“ Und der Rest lief hinterher: Wie Neele Schuten als Zweite mit 0,54 Sekunden Rückstand. Das sieht heute bei der Team-Europameisterschaft in Bydgoszcz (Polen) ganz anders aus, wenn Roleder sich mit kontinentaler Konkurrenz misst. Und danach „absolvieren wir einen vollständigen Neuaufbau bis zur WM“, sagte sie.

Den musste auch Sara Gambetta absolvieren. Nach einem Kapselriss, den sich die Kugelstoßerin im Juni zugezogen hatte. „Ich wusste deshalb nicht, wo ich stehe“, berichtete sie über ihre Gedanken kurz vor den nationalen Titelkämpfen, die sie mit Platz zwei (17,95), hinter Christina Schwanitz (18,84) beendete. Und ihren Wunsch damit erfüllte: „Eine Medaille war ja trotzdem mein Ziel.“

Die 26-Jährige ist „ein Wettkampftyp“. Deshalb fiebert sie nun Doha entgegen, wenngleich ihre Jahresbestleistung (18,40) nicht in Reichweite einer Medaille liegt. Sie ist aber eine von nur drei deutschen Damen, die die Norm (18,00) erzielt hat. Deshalb wird heute ihr Name im DLV-Aufgebot zu finden sein.