Berlin l Keine Frau hat gerufen: „Robert, ich liebe dich!“ Kein Mann hat geschrien: „Robert Harting, Diskusgott!“ Als der 33-Jährige am Mittwochabend zum letzten Mal die große internationale Bühne des Berliner Olympiastadions betrat, schallte Harting freilich der gesamte Respekt der Leichtathletik-Gemeinde entgegen. Per Jubelchor, per Applaus. Die Gemeinde blieb dabei so seriös, wie es sich für den Abschied eines Großen des Sports ziert.

Die 37 125 Zuschauer schickten dann mit jedem Versuch Hartings ein lautes Gebet hinterher. Eines wurde bei seinem vierten Wurf besonders erhört: 64,33 Meter. Selbst seinen Trainer Marko Badura riss das Geschoss aus dem Schalensitz. Aber das reichte nicht zum Titel für Harting, es bedeutete lediglich Rang sechs beim Sieg vom Litauer Andrius Gudzius (68,45) vor Daniel Stahl (Schweden/68,23) und Lukas Weißhaidinger (Österreich/65,14). Und Harting schüttelte den Kopf.

Dann lief ein Einspieler auf den LED-Tafeln im Stadion: „Danke Robert“, stand dort: „Wir wünschen Dir von Herzen alles Gute für die Zukunft.“ Und Harting begab sich auf die Ehrenrunde. Später erklärte er: „Ich bin ein bisschen leer, ein bisschen bockig. Ich könnte mir einreden, ich akzeptiere die Weite, aber das kann ich nun mal nicht. Aber ich bin auch froh, dass es durch ist." Denn: „Ich habe gemerkt, dass mein Leben als Leistungssportler schnell verflogen ist. Aber es gibt auch noch ein Leben danach."

Noch am Vormittag des Vortages, nach dem Vorkampf, hatte Harting eine dieser Geschichten erzählt, die ihn genauso sympathisch machen wie seine Erfolge und wie sein ständiger Einsatz für den Anti-Doping-Kampf. Er berichtete: „Ich hatte meinen Wecker zwar auf 6 Uhr gestellt, aber das war mir zu früh. Deshalb bin ich um 6.01 Uhr aufgestanden.“ Harting lächelte, nicht in die Runde der Journalisten, er lächelte für sich.

Gruß an die Magdeburger

Dennoch vergaß er in diesen Momenten nicht seinen langjährigen Weggefährten Martin Wierig vom SC Magdeburg und dessen Teamkollegen David Wrobel, die beide die EM verpassten. „Ich hoffe, dass sie weitermachen, dass sie nicht aufgeben“, sagte Harting der Volksstimme. „Ich versuche morgen, für sie alles zu geben.“ Wierig, ergänzte er, „wünscht sich von mir einen weiten Wurf. Den werde ich zeigen.“ Nur war der Weiteste zu kurz.

Dabei hätten ihm alle diesen einen letzten Titel gegönnt. Nur seinem Bruder Christoph, zu dem er ein wenig inniges Verhältnis pflegt, wird es womöglich egal gewesen sein. Der 28-Jährige und Daniel Jasinski (Wattenscheid) hatten mit ihrem Aus in der Qualifikation unfreiwillig die Bühne geräumt. Genauso wie der langjährige Konkurrent Pjotr Malachowski aus Polen. „Es ist kein würdiges Finale“, hatte Robert Harting per Facebook erklärt. „Trotzdem werde ich alles geben.“

EIn großes Vorbild

Und deshalb fieberten nicht nur die Gäste in Hartings Wohnzimmer mit, beraunten den missglückten und bejubelten den gelungenen Versuch. Sondern auch die Mitstreiter. „Für mich ist er ein großes Vorbild“, sagte Hürdensprinterin Cindy Roleder vom SV Halle. „Gerade, wie er als Favorit in die Wettbewerbe gegangen ist, seine mentale Stärke genutzt hat und wie er mit dem Druck umgegangen ist.“

Zuletzt war es allerdings kein Druck, der den Masterstudenten für Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation an der Hochschule für Künste beschäftigte. Es war der Quadrizeps im rechten Knie, der beinahe den EM-Start verhinderte, und es war der Gedanke an die Zukunft. „Ich hoffe, dass er dem Sport treu bleibt, dass er sich weiter für die Leichtathletik einsetzt“, sagte Roleders Teamgefährtin und Diskuswerferin Nadine Müller: „Solche Leute braucht man, um neue Dinge aufzubauen.“

Und Leute, die Erfolge aufzuweisen haben: Zwischen 2009 und 2014, bevor ihn ein Kreuzbandriss 15 Monate lang außer Gefecht setzte, hat Robert Harting Olympia, zwei Weltmeisterschaften und zwei Europameisterschaften gewonnen. Im Nachhinein war das auch eine Belastung. Oder wie Harting 2016, nach verpasstem Endkampf bei den Sommerspielen in Rio, sagte: „Ich war froh, dass ich das Superlativ Robert Harting ablegen konnte.“

Was also wird fehlen, wenn der 2,01-Meter-Hüne, der am 2. September beim Istaf seinen letzten Wettbewerb bestreitet und dazu auch Martin Wierig eingeladen hat, nach dem sechsten Wurf bei der EM aus dem Ring gestiegen ist?

Cindy Roleder hatte auf diese Frage eine einfache Antwort: „Robert Harting.“ Es war wohl das größte Kompliment.