Oschersleben l Blaues Auge, Gehirnerschütterung, geprellter linker Fuß, gebrochene Speiche und gebrochenes Kahnbein: Enrico Becker hatte auch acht Wochen nach seinem Unfall die Muße, sich die Handy-Bilder seiner Verletzungen anzuschauen. Verletzungen sind ja auch eine Erinnerung an die Karriere, zumal Becker mit ihnen in jedem Rennen rechnen muss.

Der 30-Jährige hat trotzdem eine Weile gebraucht, um den Unfall vom 16. Juni in Rijeka (Kroatien) zu verdauen. "Die Gedanken sind wieder frei für das Fahren", teilte er am Sonnabend nach dem Sprintrennen um die Sidecar-WM in der "etropolis Motorsport Arena Oschersleben" mit. Eine Armschiene gab ihm dabei nicht nur die körperliche Sicherheit, auch im Kopf verschaffte sie Platz für neuen Tatendrang. Allerdings war schon vor Oschersleben, wo der Sozius und sein Pilot Kurt Hock (Oberursel) zwei fünfte Ränge einfuhren, der Kampf um die WM-Krone für das Gespann erledigt.

Für den freien Gedanken ist es womöglich förderlich, wenn man sich "tatsächlich nicht mehr an den Unfall erinnern kann", wie Becker berichtete. Das Unglück hatte das Hock-Racing-Team in der zehnten Runde von Rijeka ereilt, auf einer "sehr speziellen Strecke", sagte Becker. "Der Asphalt ist wie Schleifpapier, und wenn es so heiß ist wie an diesem Tag, dann rutscht man schon nach wenigen Runden." Hock und Becker standen plötzlich quer, die Suzuki überschlug sich, Hock schlitterte auf dem Rücken weiter, zog sich einen Schlüsselbeinbruch zu. Becker flog über den Asphalt. Ergebnis: Helm verformt, Anzug abgerieben, aber nicht komplett zerstört, was die Meinung des Drübeckers bestärkt: "Mit Material für 50 Euro aus dem Baumarkt brauchst du nicht antreten." Sein Material hatte Becker vor einem größeren Unglück bewahrt.

Andere hatten weniger Glück in dieser Saison, das weiß auch Becker. "Ja, es ist ein schwarzes Jahr für den Motorsport, aber das passiert eben." Die Welt der Sidecar-Teams wurde beim WM-Lauf in Assen (Niederlande) schwer erschüttert. Sandor Pohl, der Beifahrer des Schweizers Stefan Kiser, war nach einem Sturz überfahren worden - und auf der Stelle tot. Kiser plagten danach Schuldgefühle, der 57-Jährige wird in diesem Jahr kein Rennen mehr bestreiten. Becker schaute kurz nachdenklich, aber dann besann er sich wieder auf die Materialfrage. Das richtige Material ist alles in diesem Sport. Auch im Kampf um die höchste Geschwindigkeit.

Hock und Becker zum Beispiel haben alle Motorkrankheiten aus dem Vorjahr beseitigt und fahren deshalb auf dem Niveau der Spitzenteams mit. In der laufenden WM wollen sie diesen Fakt noch bei den Läufen in Schleiz am letzten August- und in Le Mans am dritten September-Wochenende bestätigen. Danach beginnt schon die Vorbereitung auf die WM 2014. Und dafür steht bereits fest: "In Riejka werden wir im nächsten Jahr nicht starten."

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