Magdeburg l 20 Meter vor dem Ziel stoppte Andreas Ihle ab. 20 Meter vor dem Ziel schaute er nach links, nach rechts, ließ das Paddel zur linken Seite in das Wasser gleiten. Dann nahm er auf den letzten Zentimetern noch einmal den Rhythmus seines Schlagmanns Martin Hollstein auf. Sie fuhren über die Ziellinie, sie ballten die Fäuste, sie reckten die Arme in den Himmel über Peking. Olympiasieger im Kajak-Zweier über 1000 Meter. Eine Sensation. In vielerlei Hinsicht.

Sie waren die Besten in einer starken Konkurrenz, gegen die der routinierte Ihle und der Youngster Martin Hollstein bis zu diesen Sommerspielen in der chinesischen Hauptstadt nie angetreten waren. „Wir sind zuvor keinen Wettkampf gefahren, keinen Weltcup, keine Europameisterschaft. Unsere einzige Messlatte war der Vorlauf in Peking. Und den hatten wir gewonnen“, erinnert sich Ihle an das Wunder von Peking. Ein Wunder, zu dem noch ein dritter Passagier im deutschen Boot gepaddelt war.

Der dritte Passagier

Dieser Passagier hieß Wahnsinn. Ein Radioreporter hatte ihn auf diesen Namen getauft. Und Ihle vom SC Magdeburg, damals 29 Jahre, hatte das genauso empfunden. „Es war eine Tunnelfahrt zu Gold. Ich hatte die Konkurrenten auf den anderen Bahnen nicht wahrgenommen, habe nur die Kommandos gegeben. Wir wussten aber, dass wir auf der zweiten Hälfte unheimlich stark waren. Und im Prinzip hat es Martin auf Schlag gemacht, ich habe geschoben, so gut es nur ging“, sagt Ihle. Die Stärke hatte das Duo ausgespielt. Famos. Unglaublich. Aus einem Rückstand von zwei Bootslängen auf Ungarn und zur Hälfte des Rennens war ein Sieg geworden.

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Drei Monate zuvor wusste Ihle noch gar nicht, dass er überhaupt nach Peking fahren würde, drei Monate zuvor musste er sich die nationale Rangliste in Duisburg vom Balkon aus anschauen und war dann „enttäuscht und ernüchtert nach Hause gefahren“. Drei Monate zuvor kannte Andreas Ihle den Neubrandenburger Martin Hollstein noch gar nicht, zu diesem Zeitpunkt fuhr er mit Rupert Wagner seinen dritten Sommerspielen entgegen – bis Wagner mit einem Magen-Darm-Infekt bei der Rangliste passen musste.

Vom DKV überlistet

„Und plötzlich war er da“, erklärt Ihle lächelnd über den damals erst 21-jährigen Hollstein. „Ein mir völlig Unbekannter, der aus den Junioren kam, aber eine sehr gute Rangliste gefahren war.“ So wie Ihle acht Jahre zuvor, als er sich an der Seite von Olaf Winter für Olympia in Sydney qualifizierte. „Wie damals Olaf war ich nun der um einige Jahre Ältere im Boot“, berichtet Ihle. Um acht sogar.

Ein paar Trainingswochen, einen endgültigen Ausscheid in Kienbaum und einen Trick des Deutschen Kanuverbandes (DKV) später hatte sich das Duo gefunden. Nicht unbedingt, wie Ihle es erwartet hatte. „Seitdem ich gepaddelt habe, saß ich immer vorne, immer auf Schlag. Aber der DKV hat mich überlistet und mich im Training einfach auf Position zwei gesetzt. Und dann habe ich selbst gemerkt, dass wir andersrum ökonomischer fahren und schneller sind“, berichtet der Magdeburger.

Zu schnell für die Welt

Und letztlich waren sie im Finale am 22. August 2008 in Peking zu schnell für die Welt. 3:11,809 Minuten schnell. Es folgten die Dänen mit 1,771 Sekunden Rückstand, es folgten die Italiner mit 2,941 Sekunden Rückstand. Es folgten Jubel, Siegerehrung, Party. Der ganze Wahnsinn nach dem Wahnsinn sozusagen für zwei Männer, „die als Typen so unterschiedlich waren, sich aber deshalb sehr gut ergänzt haben“, sagt Ihle. Und die bis heute den Kontakt pflegen.

Wenn Andreas Ihle im Winter 2020 über diese Zeit spricht, liegt ein permanentes Lächeln auf seinen Lippen. Er schaut während des Gesprächs, während seiner Erzählung gedankenversunken aus dem Fenster eines Magdeburger Cafés. Hinaus in die Dunkelheit. Aber die vielen Details vor seinem geistigen Auge lassen dieses hell erleuchten.

Der letzte Start

Ihle hat ja überhaupt unheimlich viele Olympia-Geschichten zu erzählen. Jeder Ort der vier Sommerspiele, an die er teilgenommen hat, „war toll und hatte sein Flair“. Das wunderschöne Australien, das sporthistorische Griechenland, selbst das versmogte Peking. „Dort hing immer eine Dunstglocke über den Bergen“, sagt Ihle. Aber das störte ihn ebenso wenig wie die schwüle Hitze.

Und dann kam London 2012, seine letzten Spiele, die gar nicht seine letzten Spiele sein sollten. Das letzte große Ereignis des erfolgreichen Duos Hollstein/Ihle, das – abgesehen von 2009, als Ihles Körper eine Auszeit benötigte – vier Jahre erlebt und bejubelt hatte. In London komplettierte Ihle nach Platz vier in Sydney, Silber im K4 mit den Magdeburgern Mark Zabel und Björn Bach und eben Gold in Peking seinen Medaillensatz mit Bronze. Wieder im K2 über 1000 Meter. „Wir sind als Mitfavorit nach London gekommen“, sagt Ihle. „Die Erwartungshaltung war gegeben, wenn du immer vorne warst. Aber die anderen Nationen hatten unseren Stil gefühlt kopiert, das Feld hatte zu uns aufgeschlossen.“

Rio verpasst

Ein wenig Frust war dann dabei, als Hollstein und Ihle als Dritte mit mehr als einer halben Sekunde Rückstand auf Sieger Ungarn und Portugal ins Ziel fuhren. „Wir sind um unser Leben gefahren“, sagt Ihle, „aber mehr ging nicht.“ Auch nicht auf ihrem weiteren Weg, der sie eigentlich zu Ihles fünften Spielen nach Rio de Janeiro 2016 führen sollte. Aber erst setzte Ihles Körper keine guten Zeichen: Probleme mit Schulter und Halswirbel sorgten für Ausfälle. „Ich habe die Stagnation gespürt, ich bin nicht mehr vorangekommen. Die jungen Bengels wurden immer stärker“, sagt der Angstellte bei der Techniker-Krankenkasse über das Jahr 2015. „Und dann hat es für mich bei der Rangliste nicht mehr gereicht.“ Es folgte ein Abschied mit Wehmut, „weil das Olympia-Emblem fünf Ringe hat und ich unbedingt noch an meinen fünften Spielen teilnehmen wollte“.

In Rio war nicht nur kein Andreas Ihle am Start, sondern auch kein anderer Kanute des SCM. In Rio hat auch kein Magdeburger in einer Schwerpunktsportart eine Medaille gewonnen, weshalb der heute 40-Jährige in beiden Kategorien der bislang Letzte seiner Art ist. „Das ist mir schon bewusst“, sagt Ihle. „Und leider ist das so“, ergänzt er. Und wie sieht seine Prognose für die Sommerspiele in Tokio aus, zumindest für die SCM-Kanuten? Andreas Ihle sagt ohne Lächeln: „Wir können froh sein, wenn es wenigstens einer dorthin schafft.“

Der Artikel „Tunnelfahrt zu Gold“ über den Kanuten Andreas Ihle ist der Auftakt zu unserer neuen Serie, in der wir in loser Folge die Geschichten der Magdeburger Olympia-Helden erzählen.