Magdeburg l Johann Steinforth ist seit einem halben Jahr stolzer Besitzer eines Blumenkohlohres. Was sich russische Männer aus Gründen eines eigentümlichen ästhetischen Geschmacks von einem Schönheitsdoktor designen lassen, hat sich der Magdeburger wirklich hart erarbeitet. Im Trainingslager in Penn State (USA) nämlich. Dort ist bei einem Sparringkampf ein Knorpel seines linken Ohres gebrochen. Blut ist reingelaufen. Das Ohr schwoll erst zu einem kleinen Kürbis an, jetzt ist es eben ein Blumenkohl. „Ich gehe nun mal mit links zum Körper des Gegners, das ist meine Hauptangriffsseite“, sagt Johann Steinforth lächelnd.

Der 22-Jährige ist damit derjenige in der deutschen Ringer-Riege, der es am längsten ohne das natürliche Gewächs, sogar Markenzeichen seiner Sportart ausgehalten hat. So gesehen ist er bei den Männern jetzt angekommen. In anderen Dingen „rutsche ich gerade erst rein“, sagt er. Seine Manko ist deshalb: „Mir fehlt es noch an Erfahrung.“

Ein realistisches Ziel

Um einiges reicher an Erfahrung wird er nach der Weltmeisterschaft im kasachischen Nur-Sultan, ehemals Astana, sein, wo er am Freitag in seiner Freistil-Klasse bis 74 Kilogramm startet. Aber Erfahrung ist nicht das einzige, was Steinforth von seiner ersten Elite-WM mitnehmen will. Es geht um einen Platz unter den besten fünf Ringern. Und damit einher geht es um das Ticket für die Olympischen Spiele 2020. „Wenn ich einen guten Tag erwische“, sagt Steinforth, „ist es ein realistisches Ziel.“

Der Athlet von Roter Stern Sudenburg ist 1,70 Meter groß, was wiederum eher klein anmutet, vor allem, wenn man ihm direkt gegenübersteht. Aber Größe, das ist in seinem Sport kein ausschlaggebendes Kriterium. „Man muss drei Angriffe perfekt beherrschen und durchkriegen“, erklärt Steinforth, dessen Vater Ingo schon ein Ringer war und dessen Onkel Ulf der Magdeburger Boxpromoter ist. Und dazu benötigt er nicht nur Kraft, er benötigt auch Schnelligkeit, gedanklich wie körperlich. Und er benötigt Präzision.

Vorbereitung in Sotschi

Was er allerdings hat, ist Ruhe. Und in der liegt Steinforths Kraft: „Ich fahre nicht wie andere aus der Haut heraus“, berichtet er. „Damit habe ich sicher auch den einen oder anderen Kampf gewonnen.“

Diese Ruhe liegt also in seiner Natur. In allem anderen hat er sich in diesem Jahr auch zweimal in Sotschi geübt. Dort standen die deutschen Ringer in den Einheiten mit dem Kader des russischen Nationalteams auf der Matte. „Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich diese Möglichkeit bekomme“, meint Steinforth. Ob Weltmeister oder Europameister: Alle waren da, fast alle waren Trainingspartner.

Starke Trainingspartner

Nur der Weltmeister Zauerbek Sidakov, gegen den Steinforth bei seinem fünften Platz bei der Junioren-Europameisterschaft 2018 verloren hat, der absolvierte sein eigenes Programm in seiner Ecke. „Trotzdem hat man dort starke Trainingspartner, die man im Ringen auch benötigt, um ganz oben anzukommen“, betont der Magdeburger, der gerade bei seinem letzten Aufenthalt den Eindruck gewonnen hat: „Ich habe gegen jeden die Chance, zu punkten. Ich muss mich vor niemanden verstecken.“

Diese Möglichkeit hätte auch Kubilay Cąkici gehabt, Steinforths nationaler Konkurrent, der eigentlich für den WM-Start vorgesehen war, sich selbst aber aus dem Kader genommen hat. Der 26-Jährige, der sich im vergangenen Jahr einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, fühlte sich „nicht richtig fit“, wie er der „Allgemeinen Zeitung“ mitteilte.

Platz fünf wäre Gold wert

Dann wäre es womöglich Andrij Shykka aus Köllerbach gewesen, gegen den Steinforth den Kampf um den nationalen Titel im Mai mit 1:4 verloren hat. Aber Shykka, 39 Jahre, hat mit diesem Erfolg zugleich die Karriere beendet.

Deshalb also hat Steinforth die Chance, sich erstmals bei einer WM zu präsentieren. „Ich muss mich nicht zu sehr unter Druck setzen“, sagt der Athlet, der im zweiten Startrecht für Burghausen bereits deutscher Mannschaftsmeister geworden ist. „Für mich ist es einfach eine Freude, dabei zu sein und die Chance auf Olympia zu haben.“ Platz fünf wäre für ihn diesmal also Gold wert.

Runterhungern auf 74 Kilogramm

Nur eines muss der Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr, der seit diesem Jahr intensiv bei Alexander Sommer in Luckenwalde trainiert, bis zum Freitag noch erledigt haben. Er muss sein Gewicht auf 74 Kilogramm runterhungern. In der vergangenen Woche zeigte die Waage noch 79 Kilo an.

Für Steinforth kein Problem: „Zum einen trainiere ich zweimal am Tag. Zum anderen ist der Ernährungsplan eng gestrickt: Morgens gibt es wenige Haferflocken mit Joghurt, dann trinke ich nur Wasser. Und am Abend verzichte ist auf Kohlenhydrate. Ich habe also meinen Weg gefunden.“

Den will er auch in Nur-Sultan finden. Vielleicht bis zur Vorschlussrunde, dann wäre die Fahrkarte nach Tokio bereits gelöst. Wenn er ein gutes Los bei der WM erwischt, bleibt ihm sogat die Vorrunde erspart und er startet direkt mit dem Achtelfinale in seinen Wettkampf. „Es führt aber kein Weg dran vorbei: Ich muss wenigstens einen guten bezwingen, um ins Halbfinale zu kommen.“ Dafür lohnt sich auch ein zweites Blumenkohlohr.