Magdeburg l Tabea Kuhnert hat sich gewundert: Die Ruderin vom SC Magdeburg fährt zu den Olympischen Jugendspielen nach Buenos Aires (Argentinien/6. bis 18. Oktober) und bestreitet im Urban Park in Puerto Madero im Einer einen Wettkampf über 500 Meter?

„Im ersten Moment ist mir auch die Kinnlade runtergefallen“, sagt sie lächelnd. 500 Meter sind ja nur ein Viertel der olympischen Distanz. Ein Sprint also. „Trotzdem möchte ich dort nicht hinterherfahren“, erklärt die 18-Jährige. Immerhin zählte sie auf den ersten Metern in dieser Saison zu den stärksten Athletinnen – auch international.

Das hat aber nicht gereicht, um bei ihrer zweiten U-19-Weltmeisterschaft erneut in die Medaillenränge zu fahren. Im August in Racice (Tschechien) ist sie Fünfte geworden, mehr als drei Sekunden fehlten ihr zu Bronze. „Ein fünfter Platz ist kein Weltuntergang“, sagt sie zwar. Aber auch: „Ich bin schon etwas enttäuscht, weil ich es hätte besser machen können.“ Nur fehlte ihr an jenem Tag das Gefühl im und mit dem Boot. Ihr größter Erfolg bleibt deshalb zunächst WM-Silber im Doppelvierer aus dem vergangenen Jahr. Aber ihr Trainer Roland Oesemann ist überzeugt: „Für ihre individuelle Entwicklung war die WM in diesem Jahr wertvoller.“

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Und allein so ein Start in einem WM-Finale reicht womöglich den Talentespähern aus den USA, um den Nachwuchs aus aller Welt ins Visier zu nehmen. Auch Kuhnert und ihre Teamgefährtin Emma Appel, die in Racice mit Annika Steinau Sechste im Doppelzweier wurde, gehören dazu. Und sie sind nicht die Ersten vom SCM.

Berend ist jetzt Riemen-Ruderer

Ortswechsel. Die Northeastern University in Boston in der 360 Huntington Avenue ist eine ganz eigene Stadt mit zirka 23  000 Studenten. Jan Berend ist seit diesem Sommer einer von ihnen. Er wohnt dort in einem Dorf, dem International Village. „Ich habe mich gut eingelebt, das Unizimmer ist super“, berichtet der 19-Jährige. Berend studiert an der privaten Hochschule Wirtschaft. Und er rudert natürlich.

Berend, der U-19-Europameister im vergangenen Jahr im Doppelzweier wurde, ist aber kein Skuller mehr. Wer den Ruf der amerikanischen Universtitäten folgt, wer sich vier, fünf Jahre mit einem Stipendium ins Boot der Huskies, wie die Sportler der Northeastern genannt werden, setzt, der ist ein Riemer, der hält nur noch ein Ruder in beiden Händen. Der Grund dafür ist einfach: Die Meisterschaften der Unis werden im Achter ausgetragen.

Die Nähe zu Boston ist bei Berend, der regelmäßig im Sommer zu den Wettkämpfen nach Deutschland zurückkehrt und weiterhin für den SCM startet, kein Zufall. Er hat dort bereits vor zweieinhalb Jahren an einem Ergometer-Wettkampf eines Geräteherstellers teilgenommen und war Fünfter geworden. Die Nähe zu Kuhnert und Appel wurde indes von den Unis mit Nachrichten über die sozialen Medien Facebook oder Instagram gesucht. „Von der Dorf- bis zur Elite-Uni war alles dabei“, sagt Appel, 18 Jahre. „Und gefühlt wissen sie alles über dich.“

Stanford, Berkeley, Yale, Princeton

Stanford, Berkeley, Yale, Princeton – renommierte Unis, „die nicht jeden zum Studium einfach zulassen“, meint Kuhnert. Das allerdings macht auch den Reiz aus. Und zudem die Tatsache, aufgrund des Stipendiums „den Eltern nicht mehr finanziell zur Last zu fallen“, ergänzt sie.

Während Appel sich mit der Vorstellung, nach dem Abitur in zwei Jahren in die USA zu wechseln, „gar nicht beschäftigt“, ist Kuhnert etwas ins Grübeln gekommen. Sie macht im nächsten Jahr Abitur. „Es ist schon ein reizvolles Angebot“, erklärt sie. Aber eines, das eben einen Kompromiss mit sich selbst verlangt. Sie möchte eigentlich nicht riemen. Und „in Magdeburg kann ich mich als Skullerin weiterentwickeln in Richtung Sommerspiele 2024“, erklärt sie. Paris, das ist ihr Ziel.

Ihr nächstes Ziel ist aber die U-23-WM 2019 in Sarasota (USA). „Jetzt beginnt der Neuaufbau, dann müssen sie sich wieder beweisen“, sagt Trainer Oesemann. Sowohl am Ergometer als auch im Einer bei den Leistungstests.

Über die Bootsklasse, in der sie die WM ansteuern wollen, haben sich Appel und Kuhnert noch keine Gedanken gemacht. „Das steht alles in den Sternen“, sagt Appel lächelnd. Nur Achter steht dort bestimmt nicht.