Magdeburg l Sie sind durchs Haus und über den Hof in der Industriestraße 1 geschlichen. Jeder Muskel, der beim Krafttraining einer besonderen Belastung ausgesetzt war, zwickte und meldete Schmerz. Coach Roland Oesemann hatte seine Ruderinnen vom SC Magdeburg am Dienstag vergangener Woche noch einmal zur Einheit an der Hantelstange gebeten. Nach zehn Tagen Pause. Tags darauf und nach 18 Trainingskilometern auf dem Wasser erklärte Tabea Kuhnert lächelnd: „Der Muskelkater killt mich gerade.“ Und Trainer Oesemann lächelte freundlich mit.

Der 59-Jährige weiß natürlich, warum er diese Krafteinheit ins Programm geschoben hat. Denn in den folgenden Übungsstunden ging es in die Arbeit am Wettkampftempo, da wurde jeder starke Muskel benötigt. Wie auch ab dem morgigen Freitag beim Frühtest in Köln, wenn sich die U-23-Damen Tabea Kuhnert und Emma Appel zum einen mit der Elite messen, wenn sie sich zum anderen für den Nationalkader ihrer Altersklasse empfehlen wollen. „Ich möchte unter die besten acht kommen“, sagt Appel, „um zum Kreis des Nationalteams zu gehören.“

Dass beide gute Chancen darauf haben, hat nicht nur die Vorbereitung gezeigt. „Wir haben in den letzten drei Monaten sehr gut gearbeitet“, berichtet Oesemann von den beiden Trainingslagern in Sabaudia (Italien). „Alle sind gesund geblieben.“ Zudem erhielten Kuhnert und Appel eine Einladung zum Lehrgang des Deutschen Ruderverbandes (DRV) in Mequinenza (Spanien). „Auch dort waren die Trainer mit uns zufrieden“, sagt Appel.

Die Arbeit im Winter spiegelte sich letztlich auch in den Leistungen bei der Frühjahrsregatta Ende März in Leipzig wider: Kuhnert und Appel verbesserten ihre Zeit auf dem Ergometer über 2000 Meter auf 6:48 und 7:03 Minuten. Kuhnert gewann dann über die 6000 Meter auf dem Wasser mit deutlichem Vorsprung, Appel wurde Vierte und schrammte nur um zwei Sekunden am Podest vorbei. „Ich hoffe, dass wir diese Ergebnisse auch zum Frühtest realisieren können“, erklärt Oesemann.

Vorfreude statt Druck

Der Frühtest kann also kommen, zumal Kuhnert ihre schriftlichen Abitur-Prüfungen in Sport und Englisch dann geschrieben hat. Die beiden 18-Jährigen sehen der Regatta mit Vorfreude entgegen. „Ich habe einfach Lust, auch auf der olympischen Distanz zu sehen, wo ich stehe und wie weit ich noch vom A-Kader entfernt bin“, erklärt Kuhnert. Nein, den Angriff auf die Elite planen sie nicht, auch Oesemann hat dies nicht im Sinn. „Aber ein bisschen ärgern möchte ich sie schon“, sagt Kuhnert.

Da passt es ganz gut, „dass ich mir in diesem Jahr selbst keinen Druck mache“, betont sie. Im vergangenen Jahr war das anders, da fuhr sie in der U 19 bei der Weltmeisterschaft den Einer. „Ich hatte im Vorfeld nicht mal gedacht, dass ich das A-Finale erreichen würde. Aber als ich das geschafft hatte, hatte ich mir insgeheim eine Medaille ausgerechnet. Und bin dann verkrampft im Rennen gewesen.“ Sie wurde Fünfte. Appel fuhr im Doppelzweier als Sechste durchs Ziel.

Doppelzweier, Doppelvierer, das ist Appel ganz egal: Nur „der Einer ist für mich im ersten Jahr unrealistisch“, sagt sie, „zumal die Konkurrenz hart ist.“ Auch Kuhnert mag sich nicht auf eine Bootsklasse festlegen: „Die Klasse ist offen, aber natürlich soll das Boot auch laufen.“ Am Ende zählt für sie nämlich nur eines: der Start bei der U-23-WM in Sarasota (USA/24. bis 28. Juli).