Magdeburg l Es gibt ein Bild, das den Wahnsinn dieser Europameisterschaft wunderbar dokumentiert. Florian Wellbrock steht am 5. August auf dem Startblock im Tollcross International Swimming Center in Glasgow und schärft seinen Blick für das Rennen über 1500 Meter Freistil. Gregorio Paltrinieri, der Olympiasieger, steht indes ein paar Meter weiter auf dem Fliesenboden und schaut den Konkurrenten vom SC Magdeburg ein wenig ungläubig an. Was ist seit Wellbrocks 32. Platz bei den Sommerspielen 2016 in Rio nur mit ihm passiert, wird sich der Italiener womöglich gefragt haben. Die Antwort: Wellbrock ist unter Anleitung seines Trainers Bernd Berkhahn in der Weltspitze angekommen.

Erst recht an jenem Sonntag in Schottland, als er zum Titel mit deutschem Rekord von 14:36,15 Minuten geschwommen war. Der 21-Jährige spürte die größten Schmerzen im Finale, „Schmerzen, wie ich sie noch nie hatte“. Er konterte bis zum Zielanschlag die Attacken des Ukrainers Michailo Romantschuk, der ihm letztlich mit 0,73 Sekunden Rückstand folgte. Paltrinieri wurde Dritter in 14:42,56 Minuten. „Es ist einfach nur großartig“, sagte Wellbrock nach seinem Coup: „Mit der Hymne noch einmal ganz oben zu stehen, dafür arbeitet man das ganze Jahr.“

Mal wieder Weltmeister

Das war einer der Höhepunkte 2018 aus Magdeburger Sicht. Den zweiten großen Erfolg in den olympischen Sportarten sicherte Yul Oeltze sich selbst, dem SCM und der Stadt. Weltmeister im Canadier-Zweier. Mal wieder. Und wieder mal mit seinem Partner Peter Kretschmer, mit dem er bereits 2017 zu WM-Gold über 1000 Meter gefahren war.

Bilder

Dem Finale ging ein taktischer Schachzug voraus. Im Vorlauf wollte sich das Duo nicht zu weit vorne platzieren, um die beste Bahn im Halbfinale im windigen Montemor (Portugal) zu belegen. Zeugen des Laufes stockte angesichts der „Stehparty“ der Atem, zumal sich Oeltze auch noch die Schulter hielt nach der Zielankunft.

Die Konkurrenz war offenbar irritiert. Und Oeltze/Kretschmer waren souverän, erst im Halbfinale, dann im Endlauf am 24. August, als sie ungefährdet zur Titelverteidigung paddelten. „Der blanke Wahnsinn“, jubelte Oeltzes Heimtrainer Detlef Hummelt. Und sein 25-jähriger Schützling gestand: „Die Emotionen werden von Rennen zu Rennen größer. Da fällt viel Druck ab.“

Medaillen für die Magdeburger

Die Kanuten und die Schwimmer haben alle Magdeburger Medaillen 2018 gesammelt. Der Freiwasser-Athlet Rob Muffels holte bei der EM Bronze über die zehn Kilometer, Wellbrock legte im Becken Bronze über 800 Meter Freistil sowie Silber in der Freiwasser-Staffel nach. Nina Krankemann gewann bei ihrer ersten Elite-EM Gold im Kajak-Einer über 1000 Meter. Teamgefährtin Jasmin Fritz sicherte sich, ebenfalls bei ihrem Debüt, jeweils EM- und WM-Bronze im K2 über 500 Meter.

Es gab auch enttäuschte Gesichter. Zum Beispiel jene von Anna Rüh, David Wrobel und Martin Wierig. Alle auf Diskus spezialisiert. Alle verpassten die EM in Berlin. „Das tut weh“, sagte Rüh (25). Armin Lemme, Coach der drei SCM-Athleten, erzählte von den „schwersten Tagen in meiner Trainerkarriere“. Für Cindy Roleder (100 m Hürden) und Nadine Müller (Diskus) aus Halle wurden es dagegen glückliche: Sie gewannen bei der EM Bronze und Silber.

Auch die Ruderer hatten sich 2018 anders vorgestellt. Allen voran Philipp Syring vom SCM, der im Doppelvierer zur WM im September nach Plovdiv (Bulgarien) gefahren war. Der mit seiner Crew bei den Weltcups zuvor überzeugt hatte. Und dann nur Achter wurde. „Wir sind schweigsam auseinandergegangen“, berichtete der 21-Jährige bereits nach dem Semifinale. So groß war der Frust. Und es war für ihn sicher kein Trost, dass der Bernburger Maximilian Planer im Deutschland-Achter wieder Weltmeister wurde.

Aber jede Saison schreibt auch ihre neuen Geschichten. Wenn aus Enttäuschten Jubelnde werden. Und wenn Jubelnde ihre Erfolge wieder bestätigen. Sicher ist: Die Bilder werden es verraten.