Magdeburg l Bernd Berkhahn ist seit dem 1. Februar gemeinsam mit dem Neckarsulmer Hannes Vitense Bundestrainer der deutschen Beckenschwimmer. Bei der Weltmeisterschaft im Juli in Gwangju (Südkorea) führte der 48-Jährige zwei Athleten aus seiner Trainingsgruppe beim SC Magdeburg zu zwei Medaillen. Nun startet er ins nächste Projekt: Erstmals bereitet er die DSV-Schwimmer auf Olympische Spiele vor. Im Volksstimme-Interview blickt Berkhahn auf die kommenden Aufgaben voraus.

Volksstimme: Bernd Berkhahn, nach der Weltmeisterschaft im südkoreanischen Gwangju mit einmal Gold für Florian Wellbrock und einmal Silber für Sarah Köhler könnte das Olympiajahr für Sie als SCM-Trainer doch ein entspanntes werden. Immerhin hat hinsichtlich Trainingssteuerung, Leistung und Erfolg offensichtlich alles funktioniert.

Bernd Berkhahn: Aber es funktioniert ja nicht immer alles gleich. Wir haben es mit Menschen zu tun, die sich jedes Jahr weiterentwickeln. Allein dadurch, dass sie zwei Wochen im Urlaub waren, sind die Voraussetzungen für die Olympiasaison ganz andere. Man versucht natürlich, sich an den positiven Erfahrungen des vergangenen Jahres zu orientieren. Aber das Training und die Entwicklung von sportlicher Leistung ist nie eins-zu-eins übertragbar.

Gab es denn etwas Negatives, das Sie verhindern wollen?

Es gibt einige Optimierungsmöglichkeiten. Zum einen, was die Bedingungen in Tokio angeht, den Umgang mit Temperaturen. Dort wird es sehr heiß. Florian hat dort zudem eine ganz andere Wettkampf-abfolge als bei der WM. Für diese mussten wir das schwierige Problem lösen, erst im Freiwasser, dann im Becken erfolgreich zu schwimmen. Das ist alles wirklich gut aufgegangen. Aber für die Olympischen Spiele müssen wir den umgekehrten Fall vorbereiten. Zudem werden im Beckenschwimmen bei den Spielen die Finals am Vormittag ausgetragen, der Vorlauf aber am Nachmittag. Es sind also viele neue Herausforderungen zu bewältigen.

Das Programm in Tokio kommt nicht jedem schwimmenden Morgenmuffel entgegen. Auch Franziska Hentke nicht. Was gehört denn zu ihrem Optimierungsprozess, um das zu verhindern, was bei der WM passiert ist. Nämlich: vierter Platz über 200 Meter Schmetterling mit indiskutabler Zeit.

Wir hatten nach den deutschen Meisterschaften Anfang August und vor dem Urlaub noch einmal drei Wochen trainiert. Und Franziska war in dieser Zeit so viel stärker als vor der Weltmeisterschaft. Das ist irgendwie schräg, aber auch erstaunlich. Ich habe bei ihr methodisch einige Probleme ausgemacht. Wir müssen also Umfänge und Qualität der Einheiten überdenken.

Der Einsatz von Umfängen hat bei ihr als Reiz immer gut funktioniert. Aber in diesem Jahr war die Entwicklung nicht wie in den Jahren zuvor. Sie hat an Grundlagen Ausdauer verloren. In jenen drei Wochen haben wir weniger Kilometer pro Einheit absolviert. Und die Folge war: deutlich höhere Geschwindigkeiten in den Ausdauerserien. Es gibt also noch einige Fragen, die wir beantworten müssen.

Fragen müssen Sie sich und den Athleten seit Februar nicht nur als SCM-Coach, sondern auch als Bundestrainer beantworten. Welche Funktion ist eigentlich leichter?

Beide Aufgaben haben ihre Herausforderungen. Als Vereinstrainer hat man viel mehr Verantwortung für seine eigenen Athleten und deren Leistungen. Als Bundestrainer kann man den Prozess nur begleiten, alle dabei unterstützen und beraten. Aber letztlich ist die individuelle Entwicklung eines Sportlers die Sache des Heimcoaches. Denn er koordiniert und erarbeitet mit seinem Sportler die Leistung. Hannes Vitense und ich als Bundestrainer gestalten den Rahmen mit der Festlegung von Nominierungskriterien oder mit der Ansetzung von Trainingsmaßnahmen. Und da kann ich sagen: In diesem Jahr haben wir in Richtung WM vieles richtig gemacht.

Vor der WM gab es außerhalb des Beckens einige Diskussionen. Ihr Vorgänger Henning Lambertz hat in einem Interview gesagt, Medaillengewinne in Gwangju wären allenfalls ein Zufall. Es sind zwei Medaillen geworden für die Beckenschwimmer und zugleich für zwei Sportler aus ihrer Trainingsgruppe. Ist also dieser Zufall auch planbar für Olympia?

Das ist die übliche Diskussion. Keine Frage, man muss als Sportler und Trainer sehr gut arbeiten, um auch bei einer WM oder eben Olympischen Spielen Erfolg zu haben. Aber andere Nationen machen ihre Arbeit auch sehr gut oder besser. Darauf haben wir keinen Einfluss. Deshalb ist es eigentlich müßig, darüber zu reden, wie viele Medaillen erschwommen werden. Alle haben ihre Defizite. Auch Weltmeister wie Florian Wellbrock. Er ist in Gwangju kein perfektes Rennen über 1500 Meter Freistil geschwommen. Deshalb müssen wir daran arbeiten, ihn weiter zu verbessern.

Für Sarah sollte Gwangju ja nur ein Zwischenschritt auf dem Weg nach Tokio sein. Ihre Entwicklung und Silber über 1500 Meter Freistil waren überhaupt nicht absehbar, nachdem wir seit ihrem Wechsel nach Magdeburg im vergangenen Jahr vieles in ihrem Training umgestellt hatten. Trotzdem bleibt die Frage: Kann sie diesen Schritt noch einmal in Richtung Tokio gehen? Dafür müssen wir unser Bestes geben.

Sehen Sie sich denn in der Funktion als Bundestrainer als Gewinner der WM?

Wir hatten bei der WM ein wirklich gut funktionierendes Team aus Trainern, Teammanagern, Physiotherapeuten, Sportpsychologin und Arzt. Das war ausschlaggebend für das gute Gesamtergebnis und das positive Auftreten der DSV-Mannschaft in Gwangju.

Diese Erfolge nähren nun auch Erwartungen: Florian Wellbrock wurde ja schon vor der WM als Retter des deutschen Schwimmens gesehen. Er selbst hat sich danach nicht als dieser gefühlt. Hat die WM gezeigt, dass es grundsätzlich falsch war, ihm allein diesen Druck aufzuerlegen?

Ja natürlich, aus zwei Gründen. Jede Leistung, die in Gwangju erbracht wurde, ist letztlich eine Teamleistung und nicht die Leistung eines Einzelnen. Athlet, Trainer, Sportpsychologe, Trainingswissenschaftler, Physiotherapeut, medizinische Betreuung: Hätte der eine oder andere Baustein gefehlt, wäre dieser Erfolg gar nicht machbar gewesen.

Und wir hatten in Gwangju nicht nur Florian Wellbrock und Sarah Köhler, sondern auch Franziska Hentke, Philip Heintz und Marco Koch, die eine Medaille knapp verpasst haben. Zum nächsten Jahr wird sich noch die eine oder andere Staffel weiterentwickeln. Die Mannschaft ist also deutlich breiter aufgestellt. Aber allein die DSV-Elite ist nicht das deutsche Schwimmen. Dazu gehören viele andere Bereiche, die es in Zukunft zu verbessern gilt.

Wie zum Beispiel die Ausbildung: Eine Anna Elendt ist ebenfalls bei der WM in den Fokus gerückt, mehrfach hat sie – wenngleich über die nichtolympischen 50 Meter Brust – ihre Bestzeit verbessert und ist im Finale Siebte geworden. Ist sie also ein prädestiniertes Beispiel für die gesamte Nachwuchsarbeit beim DSV?

Sie hat in jedem Fall einen optimalen Weg genommen: Über die Junioren-Europameisterschaften hat sie gleich den Sprung zur WM in der offenen Klasse geschafft. Dies wird nicht jedem auf Anhieb gelingen. Mit einem erfolgreichen Nachwuchs kann zukünftig eine gute breite und erfolgreiche Nationalmannschaft entwickelt werden. Bis vielleicht in den nächsten Jahren viele Disziplinen qualitativ stark besetzt sind. Die jungen Athleten, die einer Anna Elendt, Isabell Gose oder Angelina Köhler folgen, sehen auch, welche Chance sie bekommen können. Das motiviert sie natürlich.

Motiviert dürften auch alle in Anbetracht der jüngsten Sommerspiele-Bilanz sein. Sie sind ja Nachfolger einer Ära, in der seit 2008 kein Beckenschwimmer mehr eine Medaille gewonnen hat. Sie wirken immer nüchtern, sachlich, wenn Sie darauf angesprochen werden. Beschäftigt Sie diese Bilanz ein Jahr vor den Spielen gar nicht?

Nein, damit beschäftige ich mich nicht. Ich konzentriere mich auf meine derzeitigen Aufgaben, um sie bestmöglich zu erfüllen.