Osterburg l Irgendwann wollten Peggy und Gerrit wieder zurück in die Heimat. Zurück nach Osterburg. Also nahmen sie 2018 und nach 20 Jahren Leben in Berlin ihren Sohn Paul an die Hand und bezogen ihr neues Zuhause in der Altmark, während fast zeitgleich Tochter Isabel 583 Kilometer südlich ihr Quartier aufschlug – in Heidelberg nämlich. Und während Familie Gose nun in der Altmark den Duft des stillen Landes atmet, atmet Isabel den Duft der großen weiten Welt. Derzeit nämlich auf den Seychellen. Im Trainingslager. Mit der Schwimm-Gruppe des SV Nikar Heidelberg.

Dorthin hat es die 17-Jährige verschlagen, nachdem ihr Trainer Marko Letz nach einem Konflikt mit Bundesstützpunktleiter Jörg Hoffmann beim SV Potsdam nicht mehr erwünscht war. „Außerdem wurde unsere Schwimmhalle für ein Dreivierteljahr gesperrt wegen Schimmels unter den Fliesen“, berichtet Gose. Und im Ausweichquartier fanden sie und ihre Mitstreiter nicht die Bedingungen vor, die sie sich für ein leistungsbezogenes Training gewünscht haben.

Von Potsdam nach Heidelberg

Gose, blonde Haare, schwarze Brille, 1,82 Meter groß, wollte aber keine Zeit verlieren. „Vor mir liegen wichtige Jahre“, hat sie gesagt – und sich der Gruppe von Michael Spikermann in Heidelberg angeschlossen. Der Coach hat zum Beispiel eine Sarah Köhler oder einen Philip Heintz zur Weltklasse geformt. Wie sehr ihr dieser Wechsel gutgetan hat, zeigen nicht zuletzt die Resultate aus den vergangenen Monaten, in denen sie lächelnd durch die große weite Welt gekrault ist.

Gose gewann fünfmal Gold bei den Junioren-Europameisterschaften in Kazan (Russland), Silber über 400 Meter Freistil bei der Kurzbahn-EM in Glasgow (Schottland) und einen Medaillensatz bei den nationalen Titelkämpfen im 25-Meter-Becken in Berlin – inklusive deutschem Rekord über die 400 Meter in 3:58,91 Minuten. In der fünftschnellsten Zeit, die 2019 in der Welt erzielt wurde. „Ich bin glücklich, wie alles gelaufen ist, zumal ich aus dem Höhentrainingslager heraus geschwommen war“, sagt Gose zu ihren Erfolgen in der Elite. Wie die SCM-Athleten bereiten sich auch die Heidelberger in Spanien auf die Olympia-Saison vor.

Kein Druck von außen

Olympia – das ist natürlich auch der Traum der Isabel Gose. Schon ein Start bei den Sommerspielen 2020 in Tokio. Über 200 oder 400 Meter Freistil. Das sind ihre Hauptstrecken. „Außerdem schwimme ich die 800 Meter, um Grundlagen zu trainieren“, erklärt die Elftklässlerin am Heidelberger Wirtschaftsgymnasium.

Grundlagen braucht sie auch, um auf der Skandinavientour in Bergen (Norwegen) und Stockholm (Schweden) im April nach der Olympia-Norm zu greifen. Der DSV verlangt über 200 Meter 1:57,20 Minuten, über 400 Meter 4:07,50 Minuten. Goses Bestzeiten auf der langen Bahn stehen bei 1:57,51 und 4:07,96 Minuten. „Ich setze mich nicht unter Druck“, betont sie. „Und ich spüre auch keinen Druck von außen.“ Beste Chancen auf einen Olympiastart hat sie schon in der 4 x 200-Meter-Staffel, in der sie bereits bei der EM 2018 in Glasgow Bronze gewonnen, in der sie als Siebte den Quotenplatz bei der vergangenen Weltmeisterschaft gesichert hat. 7:55,00 Minuten müssen vier deutsche Damen in der Summe anbieten, um in Tokio dabei zu sein.

Seit einem Jahr Olympiakader

Für Tokio übt Gose schon fleißig – nicht nur im Becken, auch beim Sushi, der kulinarischen Spezialität aus Japan. Es gibt in Heidelberg einige Restaurants, in denen Stäbchen über Teller kreisen. Wenn sie gerade nicht schwimmt, nicht die Stäbchen kreisen lässt, dann liest Isabel Gose oder geht ins Kino. Aber gleichwohl bleibt dafür kaum Platz in ihrer Freizeit. Dieses Opfer bringt Gose, die zum Olympiakader des DSV gehört, wiederum gerne. „Für mich geht es letztlich darum, an meinem Sport auch Spaß zu haben. Wenn ich dann eines Tages für andere ein Idol bin, wäre das super schön.“

Eine Heldin ist sie sowieso. Für Mama Peggy, Papa Gerrit und Bruder Paul, der selbst beim SC Magdeburg schwimmt. Und die alle gemeinsam mit Isabel noch oft den Duft der großen weiten Welt atmen möchten. Womöglich ist es schon bald der Duft von Sushi.