Magdeburg l Es wurde gelacht. Natürlich. Es war ja auch durchaus ein lustiger Anblick, wie Emma mit ihren drei Jahren auf der Tischtennis-Platte Platz nahm. Ein Schläger in der Hand, der größer war als ihr Kopf. Auf der anderen Seite ihr stolzer Papa Dimitrij Ovtcharov. Ein paar Mal traf seine Tochter sogar den Ball. Und er ging auch über das Netz. Bei dem familiären Hintergrund ist ja auch Talent zu erwarten. Trotzdem betonte Ovtcharov, dass seiner Tochter „völlig freigestellt“ ist, welchen Hobbys sie künftig nachgeht. „Anders als bei mir. Da war schon sehr früh klar, dass es in den professionellen Sportbereich gehen wird.“

Diesen hat der 31-Jährige geprägt, zählt zu den besten Tischtennis-Spielern der Welt. Und will das auch bei den German Open 2020 in Magdeburg unter Beweis stellen. Gestern qualifizierte er sich mit Patrick Franziska im Herren-Doppel erfolgreich für das Hauptfeld, heute hat er auch im Einzel seinen ersten Auftritt in der Getec-Arena.

Mit vier Jahren nach Hameln

Doch wer ist dieser Dimitrij Ovtcharov eigentlich? Kurz gesagt, der aktuell zweitbeste deutsche Tischtennis-Spieler hinter Timo Boll. Genauer betrachtet, ein Sportler mit enorm viel Ehrgeiz, der seinem Sport „alles andere in seinem Leben untergeordnet“ hat.

Mit vier Jahren kam der in Kiew geborene Sohn des russischen Nationalspielers Mikhail und der Tischtennistrainerin Tatjana 1992 nach Hameln. Sein Vater erzählte ihm stets Geschichten über den Sport. „Sogar meine Lieblingsfiguren in Cartoons waren Tischtennis-Spieler“, berichtet der deutsche Nationalspieler, dessen Frau mehrfache schwedische Meisterin im Tischtennis und eine „enorme Stütze“ für ihn ist. „Mein Weg war also sehr früh vorgezeichnet.“

Ovtcharov kommt gern zurück nach Magdeburg

Etliche Titel später entwickelte sich der Rechtshänder, der seinen Stil als „aggressiv und körperbetont“ oder auch als „Power-Tischtennis“ bezeichnet, zum besten Tischtennis-Spieler der Welt. Ja, Anfang 2018 führte er die Weltrangliste an. 2017 war sein bislang erfolgreichstes Jahr, in dem unter anderem die German Open in Magdeburg gewann. Ein gutes Omen? „Ich habe natürlich sehr gute Erinnerungen an das Turnier 2017. Ich habe hier wirklich sehr gut gespielt und starke Gegner geschlagen. Von daher komme ich gern zurück nach Magdeburg.“

Vor allem am Wochenende freut sich Ovtcharov auf eine „sehr gute Stimmung“, die bei den German Open – egal in welcher Stadt – für ihn mit keinem anderen Turnier der World Tour vergleichbar ist. „Die Zuschauer können einen zusätzlich nach vorn peitschen und so für zwei bis drei Prozent extra sorgen.“

Leidenszeit überstanden

Doch um das aktuell wieder erleben zu dürfen, musste er auch eine Leidenszeit überstehen. Mehrere Verletzungen am Oberschenkelhals und an der Hüfte quälten ihn in den vergangenen beiden Jahren. Viel nachgedacht hat er aber nicht, sondern sehr zielstrebig in der Reha gearbeitet, um „möglichst schnell wieder das zu tun, was ich am liebsten mache in meinem Leben: Tischtennis spielen“.

Diese Zeit führte zwar dazu, dass er im Januar 2019 erstmals seit sieben Jahren die Top Ten der Weltrangliste verlassen musste, die heutige Nummer elf hat aber keinen Deut von ihrem Ehrgeiz eingebüßt. Das gilt nicht nur für die jetzigen German Open, bei der er aufgrund einer Speiseröhrenentzündung das Trainingspensum „minimal reduzieren“ musste und sich dennoch „gut vorbereitet“ fühlt. Vor allem freut er sich auf Tokio. „In diesem Jahr liegt der Fokus ganz klar auf den Olympischen Spielen“, betont der 1,86 Meter große Angriffsspieler.

Drei deutsche Asse und nur zwei Olympia-Ticke

Sowohl im Einzel als auch mit seiner „sehr starken Mannschaft“ strebt er eine Medaille an. Drei deutsche Spieler, die auch in Magdeburg am Start sind, stehen aktuell in der Top 15 der Welt. Und sowohl mit Timo Boll (10) als auch mit seinem Doppelpartner Patrick Franziska (15) versteht sich der in Russland beim fünffachen Champions League-Sieger Fakel Orenburg spielende Ovtcharov sehr gut.

Boll, den er im Magdeburger Finale 2017 mit 4:3 schlug, kennt er nicht nur an der Platte in- und auswendig. „Uns verbindet eine lange und gute Freundschaft. Wir schätzen und respektieren uns sehr.“ Was nicht minder für Franziska gilt, der derzeit mit starken Leistungen Druck auf die beiden macht. Und das ist insofern heikel, als dass es nur zwei Olympia-Tickets im Einzel der Herren für Deutschland gibt.

Ab heute wird es ernst für Ovtcharov

Ovtcharov sieht darin aber eine „super Ausgangsposition“ und schiebt selbstbewusst nach: „Bisher gab es keinen Monat, in dem Patrick an mir in der Weltrangliste vorbeigezogen ist, obwohl er sehr stark gespielt hat. Ich persönlich gehe davon aus, dass ich im Einzel am Start sein werde. Das ist mein Ziel und darauf arbeite ich hin.“

Um das zu erreichen, hilft ihm sicherlich auch ein gutes Turnier in der Elbestadt. Ab heute wird es im Hauptfeld wieder einmal ernst für ihn. In einem Beruf, der aber auch seine Leidenschaft ist. Und Familientradition. Vielleicht tritt seine Tochter Emma ja eines Tages in seine Fußstapfen.