Magdeburg l Plötzlich ist Florian Wellbrock im Foyer der Elbehalle stehen geblieben, hat auf einen Blumentopf auf dem Fenstersims gezeigt und tatsächlich gefragt: „Ist das eine Avocado-Pflanze?“ Das war schwer zu definieren, die Pflanze sah nämlich schon sehr traurig aus. Man möchte gar meinen: Sie war im Begriff zu sterben. Aber wichtiger war in diesem Moment: Warum fragt Florian Wellbrock so was?

Doppelweltmeister, Bambigewinner

Der Doppelweltmeister, Bambigewinner, Sportler des Jahres in Sachsen-Anhalt, deutscher Rekordhalter, dieser Mann also hat den grünen Daumen für sich entdeckt. In irgendeinem Youtube-Video studierte er den Anbau einer Avocado-Pflanze und hat schon während der WM im vergangenen Juli in Gwangju gehofft, dass mal ein Keim in Magdeburg zu einer leuchtenden Pflanze aufgehen würde.

Aber während der Stern Wellbrocks im heißen Südkorea so endgültig im Freiwasser und Becken aufging, ging mangels Wasser die Avocado in der pulsierenden Elbmetropole ein. Nun wagt er einen neuen Anlauf. Und diesmal stehen die Chancen für den Keim nicht schlecht. Die Sommerspiele in Tokio finden erst vom 24. Juli bis 9. August statt.

Olympiaticket in der Tasche

Es steht sportlich ganz außer Frage, dass der Schwimmer vom SC Magdeburg an diesen Sommerspielen teilnehmen wird. Er ist über die zehn Kilometer im Freiwasser qualifiziert. Natürlich als Weltmeister. Und er ist nicht allein. Es war der unbestritten emotionalste Moment für den 22-Jährigen an jenem 16. Juli – und ein Moment, den er nicht allein für sich beansprucht hat. „Dass ich da zusammen mit Rob gleich im ersten Anlauf das Olympiaticket gelöst habe, war für mich der schönste der vielen schönen Momente in diesem Jahr“, bestätigt Wellbrock. Rob Muffels hatte nämlich Bronze gewonnen. Beide sangen also die Nationalhymne, beide waren freundschaftlich auf dem Podium vereint. Wellbrock: „Das war Weltklasse.“

Zwölf Tage später, nach seinem Sieg über die 1500 Meter, war er bereits Doppelweltmeister. Und knapp fünf Monate später wurde er erneut zur Siegerehrung gerufen. Am vergangenen Wochenende nämlich beim 15. Internationalen Wettbewerb um die Pokale der Landeshauptstadt in der heimischen Halle. Egal, welchen Platz er bei seinen vielen Starts belegte: Wellbrock war selbst bei diesem Event immer präsent. „Für mich ist es wichtig, die Siegerehrung wahrzunehmen. Das gehört sich so. Wir sind der Ausrichter und ich bin das Gesicht der Veranstaltung. Dieser Rolle bin ich mir bewusst.“

Sie bestätigt sich auch längst in der Vielzahl der Autogrammjäger. Zehn- bis 14-jährige Mädchen und Jungen standen bereit, sich mit Wellbrock fürs Familienalbum zu verewigen oder eine Unterschrift auf ihren Badekappen abzuholen. „Ich weise keinen Wunsch ab, vor allem zu einem Kind würde ich nie sagen, das passt jetzt nicht. Die Zeit nehme ich mir gerne.“

Verrückter Wunsch von Fans

Reichlich geschmunzelt hat Wellbrock indes nach einem Wunsch, der ihm im Oktober beim Weltcup in Berlin entgegengebracht wurde. Als er sich auf dem nackten Edelstahlgehäuse der Handtelefone zweier Mädels verewigen durfte. „Das war der verrückteste Wunsch bislang“, berichtet Wellbrock. Die Mädchen haben ihn jetzt immer dabei – einen Florian Wellbrock forever sozusagen.

Einen Bambi für immer, und ganz passend zu Wellbrock aus Gold, steht nun in seinen heimischen vier Wänden. Der Preis, der ihn am meisten überraschte. „Ich wusste bis dahin nicht, dass es diese Auszeichnung in der Kategorie Sport gibt“, berichtet er und ergänzt lächelnd: „Dann habe ich mich im Internet belesen und gesehen, dass zum Beispiel Steffi Graf und einige Fußballer bereits mit dem Bambi geehrt wurden. Ich glaube, Niklas Kaul und ich sind die ersten Normalsterblichen, die ihn bekommen haben.“ Der jüngste Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten und der erste Doppelweltmeister in Becken und Freiwasser aller Zeiten.

Schön war es an jenem Abend in Baden-Baden. Selbst für Normalsterbliche. „Aber ich brauche solch eine Veranstaltung nicht jeden Tag“, sagt Wellbrock. „Drei Stunden lang in einem Smoking sitzen, ist nicht so meine Welt. Da sitze ich lieber drei Stunden in einer Badehose in der Schwimmhalle.“

Die Auszeichnung hat auch sein Selbstbewusstsein nicht bestärkt, denn selbstbewusst war Wellbrock auch schon vorher. Dennoch kann er sich einer gewissen inneren Zufriedenheit nicht erwehren. Hat ihn die Ehrung, haben ihn die Titel überhaupt verändert? Wellbrock überlegt und sagt: „Ich bin in der Medienarbeit routinierter geworden.“ Darin hatte er 2019 auch reichlich Übung.

Im Becken noch nicht zufrieden

Zufrieden ist er im Becken allerdings noch lange nicht. Es gibt da weiterhin das Thema Wenden. Es steht zudem die Antwort auf die Frage aus, ob er in Tokio über die 800, 1500 Meter und zehn Kilometer an den Start gehen wird. „Ich werde schauen, wie es in Stockholm läuft“, sagt er. Im nächsten April will Wellbrock die Normen für Tokio beim Meeting in Schwedens Hauptstadt erfüllen. 7:50,30 Minuten über die kürzere Distanz nach Vorgabe des Deutschen Schwimmverbandes (DSV). 15:00,99 Minuten auf der längsten Beckendistanz nach Vorgabe des Weltverbandes Fina – ein DSV-Bonus für den Weltmeister.

Bis dahin gibt er der neuen Pflanze eine Chance. Er könnte sie nach den Maskottchen der Tokio-Spiele benennen: Miraitowa und Someity. Was so viel heißt wie Zukunft, Ewigkeit und so mächtig.