Magdeburg l Florian Wellbrock glaubte in den ersten Momenten selbst nicht, was ihm gerade gelungen war, an jenem 6. April bei den Swim Open in Stockholm. Er schaute zur ersten Anzeigetafel und dachte, „die ist kaputt“. Dann schaute er zur zweiten Anzeigetafel, doch auch dort war seine Zeit digital eingemeißelt. Und dann schaute der 20-Jährige vom SC Magdeburg zu seinem Trainer, der sich „übelst gefreut hat“, berichtete Wellbrock. „Da habe ich realisiert, dass ich deutschen Rekord geschwommen bin“ – 14:40,69 Minuten über 1500 Meter Freistil.

Und Bernd Berkhahn feierte nicht erst beim Zielanschlag: „Erfolge fliegen so schnell wieder weg, man hat immer nur den ersten Moment der Euphorie und konzentriert sich danach gleich wieder auf die nächste Aufgabe. Aber bei Florians Rennen war nach 1000 Metern klar, dass es deutscher Rekord wird. Und da habe ich mir mal fünf Minuten Zeit zum Jubeln genommen“, erklärte der Coach schmunzelnd.

Rang neun in der Bestenliste

Nach dem Festival im Becken folgte das Festival der Glückwünsche. Der Potsdamer Jörg Hoffmann, der zuvor 27 Jahre lang den nationalen Bestwert gehalten hatte (14:50,36), schrieb per E-Mail an Schwimmer und Trainer: „Das ist wirklich eine amtliche Leistung, da habt ihr einen beeindruckenden Treffer gelandet.“ Wellbrock selbst postete von sich ein Bild nach seinem Rennen im Internet-Netzwerk „Instagram“, das sogar Olympiasieger Gregorio Paltrinieri (Italien) mit einem Herzen bedachte. Überhaupt, weiß Wellbrock, hat die internationale Konkurrenz seine Leistung sehr wohl wahrgenommen.

Wellbrock hat sich mit seiner Zeit auf Rang neun der ewigen Bestenliste geschwommen, bis zum Weltrekord von Sun Yang (China) sind es nur noch 9,67 Sekunden. Dennoch sträubt er sich ein wenig gegen die Aussage, in der Weltspitze angekommen zu sein. „Mich ärgert ein wenig, dass ich die Zeit bei einem eher unwichtigen Event geschwommen bin“, sagte er. „Wenn ich diese Zeit bei einem großen Event nicht ins Wasser bringe, bringt sie mir letztlich nichts.“ Bei einer großen Veranstaltung wie die Europameisterschaften in Glasgow also (2. bis 12. August).

Das Ziel bei der EM ist das A-Finale – primär. Und: „Ich möchte schon sehen, dass er sich in der Spitze bewegen und mit den Top-Leuten mitschwimmen kann“, sagte Coach Berkhahn, der in der Vorbereitung auf die Saison mit Wellbrock akribisch an den Wenden gearbeitet hat. „Da ist er ein sehr strenger Trainer, er lässt Schlampigkeiten nicht zu“, sagte Wellbrock lächelnd. Das hat ihm nicht nur zum deutschen Rekord verholfen in Stockholm, die acht Jahre alte Bestmarke des Magdeburgers Christian Kubusch über 800 Meter hat er außerdem geknackt (7:46,85). Den Weltrekord hält seit 2009 der Chines Zhang Lin (7:32,12).

Becken oder Freiwasser

Und die Erfolgsgeschichte geht auch im Freiwasser weiter. Beim Europacup im Mai in Frankreich siegte Wellbrock über die olympischen zehn Kilometer. Am vergangenen Sonnabend feierte er im Balaton (Ungarn) seinen ersten Weltcupsieg in seinem ersten Weltcuprennen. Beide Mal schlug er unter anderen Olympiasieger Ferry Weertman (Niederlande). Und gab damit einer seit dem vergangenen Jahr medial geführten Diskussion zusätzliche Nahrung. Becken oder Freiwasser? Wie würden Sie entscheiden, Herr Wellbrock?

Wellbrock gibt darauf eine herrlich unkonkrete Antwort: „Ich habe so viele Perspektiven“, sagte er. Genau deshalb „werden wir in der nächsten Saison zweigleisig fahren.“ Berkhahn geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ziel bei der Weltmeisterschaft 2019 ist die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio über die zehn Kilometer.“ Dazu muss Wellbrock in Gwangju (Südkorea) in die Top Ten schwimmen. Ob er dann auch im Becken über 800 oder 1500 Meter bei den Sommerspielen 2020 starten wird, das steht noch nicht fest. „Da spricht aus meiner Sicht nichts dagegen“, sagte Berkhahn. „Florian kann schnell regenerieren, er hat zudem ein sehr gutes Ausdauerniveau, das er aber sicherlich noch weiter verbessern kann.“

In diesem Jahr ist zunächst EM und das Ziel, die deutsche Fabelzeit über die längste Beckendistanz zu wiederholen. „Ich weiß, dass ich damit eine Medaille holen kann", sagte Wellbrock. „Und erst wenn ich gemeinsam mit Paltrinieri auf dem Podest stehe bei der Siegerehrung, dann kann man sagen: Ich bin in der Weltspitze angekommen." Im Becken. Im Freiwasser ist er es bereits am vergangenen Sonnabend.