Magdeburg l Die Leistungssportreform wird auch in Sachsen-Anhalt Spuren hinterlassen. Gerade der Standort Halle soll künftig weniger Bundesstützpunkte haben. Sehr zum Ärger von Andreas Silbersack. Der Präsidenten des Landessportbundes Sachsen-Anhalt spricht im Interview über die Sportstrukturen im Land und seine persönlichen Ambitionen vor der Wahl des neuen DOSB-Präsidiums.

Herr Andreas Silbersack, am 7.  Dezember feiert sich Sachsen-Anhalts Sport mit einem Ball in Magdeburg. Dabei werden auch die Sportler des Jahres prämiert. War es ein Jahr zum Feiern?
Andreas Silbersack:
Ich war bei den Olympischen Spielen in Pyeonchang und muss sagen: Es war unglaublich. Diese Stimmung im Deutschen Haus. Kein anderes Land hatte solch eine Location und solche Euphorie. Natürlich hatte das Team, hatten auch unsere Sportler aus Sachsen-Anhalt den entsprechenden Erfolg. Thorsten Margis, der als Bob-Anschieber zweimal Gold gewonnen hat. Toni Eggert, der im Rodeln Bronze holte. Das war sehr schön. Da müssen wir uns nicht verstecken.

Was auch für den Sommersport gilt.
Richtig. Florian Wellbrock ist Europameister und inzwischen nicht mehr nur eine herausragende Persönlichkeit des Schwimmsports in Sachsen-Anhalt, sondern auch aus bundesdeutscher Sicht. Wir haben Kanu-Weltmeister Yul Oeltze, Max Planer, der wieder Weltmeister im Deutschland-Achter wurde. Das lässt uns auch für die Zukunft sehr frohlocken und hoffen. Wir haben in unseren Schwerpunktsportarten große Potenziale.

Sie sind ja nicht nur Präsident des Landessportbundes, Sie kandidieren 2019 auch als Oberbürgermeisterwahl in Halle, Sie werden Anfang Dezember vermutlich ins DOSB-Präsidium gewählt. Und eigentlich verdienen Sie als Rechtsanwalt Ihre Brötchen. Haben Sie eigentlich noch Zeit für den Sport?
Was meine Oberbürgermeister-Kandidatur angeht: Da läuft der Wahlkampf gerade erst an. Ich stelle mich bei Veranstaltungen vor, präsentiere mich auch bei politischen Foren. Aber das alles hat auf meine Zeit für den Sport nicht wirklich Einfluss genommen. Was dagegen viel Zeit in Anspruch genommen hat, war in den vergangenen Monaten das Thema Deutscher Olympischer Sportbund, als es um die Haushaltsverhandlungen mit dem Bund um die 70 Millionen Euro mehr für den Leistungssport ging. Es ging um die Diskussion, wie es weitergeht an der Spitze des DOSB, als in Spitzenverbänden versucht wurde, eine Stimmung gegen Präsident Alfons Hörmann zu erzeugen. Das ist inzwischen vom Tisch. Aber es ist richtig, dass diese Diskussionen viel Zeit beansprucht haben, weshalb ich trotz Einladungen zu Vereinsveranstaltungen im Land oft nicht aufgetaucht bin. Und viele gefragt haben: Sehen wir den Silbersack überhaupt noch?

Ihr Fokus ist also bereits mehr auf den Bundessport und auf den 1. Dezember gerichtet, wenn Sie bei der Mitgliederversammlung des DOSB zum Vizepräsident Breitensport gewählt werden könnten?
Halb und Halb. Es ist ja nicht so, dass ich mich mit der Wahl aus dem Land Sachsen-Anhalt verabschieden werde. Manchmal sind aber bestimmte Dinge in gewissen Zeiten nicht unbedeutend – wenn ich nur an das Thema Bundesstützpunkte denke.

Sie hatten sich in der Diskussion um die Bundesstützpunkt-Vergabe auch sehr für Halle eingesetzt. Wird Ihnen diese Nähe von Magdeburger Seite zuweilen auch vorgeworfen?
Wenn wir uns unser derzeitiges Ergebnis anschauen, dann kann kein Magdeburger sagen, ich hätte mich zu stark für Halle eingesetzt. Letztlich geht es bei dem Thema doch darum, dass wir seit 1990 nicht in der Lage waren, die damals gelegten Doppelstrukturen aufzulösen. Und diese Strukturen in einem kleinen Land mit nur 2,1 Millionen Einwohnern sind aus bundesdeutscher Sicht eben nicht nachvollziehbar.

Trotzdem hat der DOSB sein Veto gegen die Aberkennung des Status Bundesstützpunkt Schwimmen in Halle eingelegt.
Natürlich. Wir sind nun mal 25  Jahre in die Richtung Doppelstruktur gegangen. Und müssen jetzt eben den erfolgreichen Standort Sachsen-Anhalt auch in dieser Struktur mitnehmen. Da kann niemand Schwarz oder Weiß denken, da muss jeder auch den Grauton Doppelstützpunkt betrachten. Magdeburg hat die erfolgreichste Schwimmgruppe in Deutschland, das muss man so sagen. Halle hat aber in diesem Bereich auch die infrastrukturellen Voraussetzungen und ist im Nachwuchsbereich sehr stark. Deshalb ist es einfach von elementarer Bedeutung, dass der DOSB sein Veto eingelegt hat. Dafür habe ich mich stark eingesetzt. Wenn man Magdeburg den Status bis 2020 gibt und Halle einfach von der Landkarte schiebt, ist auch die Gesamtstruktur gefährdet. Beim DOSB hat man das begriffen, beim Deutschen Schwimmverband nicht.

Nun haben insgesamt fünf der sechs Bundesstützpunkte ihren Status lediglich bis 2020 bekommen. Werten Sie das als Affront gegen die Leistungsentwicklung im Land Sachsen-Anhalt?
Ja. Denn das geht überhaupt nicht. Gerade im Schwimmen ist es mir ein Rätsel. Welche Botschaft geht denn damit einher? Wollen wird das System der Briten? Die sagen: Wir zentralisieren in bestimmten Bereichen. Tatsächlich werden in England nur noch die elf medaillenträchtigen Sportarten gefördert. Aber das kann nicht unser Weg sein. Ich sage: Entweder stellen wir eine Verzahnung des föderalen mit dem zentralistischem System her, wobei die Förderstruktur erhalten bleibt. Oder man bekennt sich zu einigen wenigen Oberzentren. Ich glaube aber, dass es letztlich nur funktioniert, wenn jedes Bundesland seine Existenzberechtigung im Spitzensport hat. Deshalb bin definitiv für das föderale System.

Sie haben sich im LSB festgelegt, haben die Schwerpunktsportarten neu definiert. Im Verhältnis zur Praxis gibt es dabei allerdings Unwuchten. Es gab drei Olympia-Medaillen bei den Winterspielen. Trotzdem kann Wintersport über Status einer Fördersportart nicht hinauskommen. Auf der anderen Seite wurde Wasserspringen aus der Förderung herausgenommen, bleibt aber Bundesstützpunkt. Das klingt nicht nach einem System aus einem Guss.
Aber wenn wir Thorsten Margis nehmen, kann man ihn doch nicht nur zum Bobsport zählen, sondern auch zur Leichtathletik.

Der SV Halle ist dem nachgekommen, indem er seine Abteilung Leichtathletik/Bobsport benannt hat.
Was ja auch individuell begründbar ist.

Trainingsmethodisch ja, aber in der Außendarstellung ist er ein Bobsportler.
Aber was ist denn ein Anschieber? Er trainiert große Teile des Jahres Athletik, Kraft und Schnelligkeit wie ein Leichtathlet. Deshalb würde ich nicht so apodiktisch an Eingruppierungen hängen. Wir müssen schauen, wo wir neue Wege gehen können. Deshalb finde ich gerade die Verbindung zwischen Leichtathletik und Bobsport innovativ. Beim Mitteldeutschen SC in Magdeburg werden die Anschieber auch aus der Abteilung Leichtathletik rekrutiert. Denn wo kann ein Anschieber besser an die Weltspitze geführt werden? Ein klassisches Wintersportland sind wir eben nicht, wir werden niemals eine Bobbahn bekommen. Aber trotzdem haben wir die sportlichen Strukturen, den Verband und die Vereine, für diese Sportart. Deshalb sage ich ja: Wir brauchen eine gesunde Mischung aus Zentralismus und Förderalismus.

Das Land Sachsen-Anhalt hat 35 Sportler ins „Team Tokio“ berufen. Im Volksstimme-Check sind wir auf derzeit 18 gekommen, die realistisch an den Sommerspielen 2020 teilnehmen würden. Gefällt Ihnen diese Zahl?
In Rio hatten waren 14 Athleten am Start. Wenn man nun die Zwischenergebnisse der vergangenen zwei Jahren nach den Spielen in Rio sieht, sehen wir eine positive Entwicklung. Denn im Verhältnis zu den zwei Jahren vor Rio sind die Resultate signifikant besser. Insofern wäre es eine logische Konsequenz, wenn wir die Zahl der Starter in Tokio höherschrauben können. Deshalb halte ich die Zahl 18 für durchaus realistisch. Sie sollte auch ein Anreiz für uns sein, mit Blick auf das Bundesstützpunkt-Thema noch eine Schippe draufzulegen.

Der Rückschluss lautet also: Wenn Tokio gut und erfolgreich läuft, dann ergibt sich damit auch eine Argumentation für den Fortbestand der Bundesstützpunktstruktur im Land.
Zwischen Bund und Ländern wurde beschlossen, dass es ab Ende 2019 eine Evaluierung geben wird. Es wird also geschaut: Wurde mit Blick auf Tokio mit der bestehenden Struktur richtig entschieden oder muss nachjustiziert werden? Deshalb ist Tokio für uns noch wichtiger als Rio 2016.

Eine Olympiamedaille ist also die beste Referenz für den Fortbestand der Stützpunkte?
Das glaube ich schon. Denn was sind denn eigentlich die Kriterien, um die Stützpunkte zu benennen? Am Schwimm-standort Magdeburg stimmen die Kaderzahlen, die Erfolge. Trotzdem gibt es nur eine Befristung bis 2020.

Wie ist diese Befristung denn begründet worden?
Es gab keine Argumente. Ich glaube persönlich, dass man sich einfach von dem Gedanken leiten lässt: Wo werden in Zukunft unsere vier großen Leistungssportzentren sein? Wir haben den Anspruch und erfüllen die Voraussetzungen, die derzeitige Befristung auf den nächsten Olympiazyklus zu entfristen. Alles andere ist nicht nachvollziehbar und wird von uns auch nicht akzeptiert.

Auf der anderen Seite hat auch der Stützpunkt Leichtathletik in Magdeburg zumindest bis 2020 den Status erhalten, obwohl dort zuletzt keine Erfolge mehr vorzuweisen waren.
Daran sieht man auch, dass die Leistungssportreform nicht zu Ende ist. Ein Leichtathletikverband hat seinen Bundesstützpunkt-Vorschlägen liberaler gehandelt als ein Ruderverband, hat mehr Bundesstützpunkte gefordert als die Ruderer, die einfach an ihren bestehenden Zentren festhalten. Genau das ist das Problem. Was hätte dem Deutschen Schwimmverband nun wehgetan, einen Doppelstützpunkt Magdeburg/Halle für vier Jahre aufzurufen, weil wir erfolgreicher nicht sein können?

In Sachsen-Anhalt hat man den Eindruck, dass grundsätzlich im Sport viel gemacht wird, um Ausfälle auf der Bundesebene zu kompensieren. Es wurden bei den aberkannten Stützpunkten Schwimmen und Turnen in Halle die Trainerstellen gesichert.
Das ist nicht nur ein Eindruck, das ist tatsächlich so. Wir haben mit dem Innenministerium einen sehr guten Weg eingeschlagen. Dort wurde erkannt, dass auch in Vorleistung gehen müssen. Deswegen hat das Land 700.000 Euro aufgerufen, um eine finanzielle Untersetzung zum Beispiel der Trainerstellen zu realisieren. Das ist aber auch dringend notwendig, um erfolgreich in Richtung Tokio zu gehen.

Nehmen DOSB und Bundesinnenministerium als Geldgeber des Sports diesen Weg zur Kenntnis?
Natürlich. Es fällt auch auf, dass wir mit Holger Stahlknecht einen Innen- und Sportminister haben, der sehr sportaffin ist und alles dafür tut, dass in Sachsen-Anhalt die besten Rahmenbedingungen für die Athleten existieren.

Und wie ist die Resonanz der Athleten?
Die Sportler und auch verschiedene Trainer merken schon, dass sich das Land Sachsen-Anhalt sehr für sie engagiert. Aber eben nicht jeder, das muss man ehrlich sagen. Das liegt aber auch in der Mentalität, eher zum Jammern zu neigen als die Dinge positiv und optimistisch zu sehen.