Fakten & Zahlen

Leipziger Studie: Zum Thema Tätowierung ließ die Universität Leipzig 2510 Ost- und Westdeutsche im Alter von 14 bis 94 Jahren – 1171 Männer und 1339 Frauen – befragen. Danach trägt bundesweit jeder Fünfte ein Tattoo. Vor allem junge Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren (44 Prozent) haben stark aufgeholt und sind inzwischen häufiger tätowiert als die jungen Männer (41,4 Prozent). In der 2017 veröffentlichten Studie wurde auch nach Bildungsgrad und Erwerbstätigkeit gefragt: Demnach trugen 6,5 Prozent der Personen mit Abitur mehrere Tattoos, mehr als 10 Prozent ohne Abitur. Jeder fünfte Erwerbslose trug mehrere Tattoos – gegenüber 8,7 Prozent bei den Erwerbstätigen.

Tattoos als Privatangelegenheit: Bei der Polizei, in der Gastronomie, bei Bankern, Medizinern oder bei Fluggesellschaften wird auffälliger Körperschmuck kritisch gesehen. Doch darf der Arbeitgeber bei der Körperkunst seiner Angestellten mitreden? „In der Regel geht das den Arbeitgeber nichts an“, sagt Johannes Schipp, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen stehe über dem Interesse des Arbeitgebers. Anders sieht es aus, wenn ein Arbeitgeber beweisen kann, dass sich das Tattoo „schädigend auf den Betriebsablauf“ auswirkt. Dann darf er verlangen, dass ein Mitarbeiter eine Kleidung trägt, die das Tattoo verdeckt.

Dermatologen warnen: Gemäß einer Studie der Universität Regensburg haben sechs Prozent der Tätowierten im Anschluss gesundheitliche Probleme. Dr. Mareike Alter, Oberärztin der Universitätshautklinik Magdeburg, rät aus dermatologischer Sicht dringend vom Tätowieren ab: „Tätowierfarbstoffe sind hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe oft nicht ausreichend deklariert, d. h. weder der Tätowierer noch der Kunde weiß genau, was in die Haut gestochen wird.“

Gefahren: Einige Inhaltstoffe der Tätowierfarben können allergische oder andere Reaktionen hervorrufen, „was zu hässlichen Entzündungen führt, die auch nur schwer zu behandeln sind“, so Mareike Alter. Teilweise werden Tätowierfarben auch krebserregende Eigenschaften zugeschrieben. Sicher ist, dass Tätowierfarbe nicht nur in der Haut verbleibt, sondern auch durch Lymphgefäße aufgenommen wird. Das belegen Pigmente, die in Lymphknoten gefunden wurden.

Entfernung von Tattoos: Die Prozedur ist teuer und langwierig. Allein die Entfernung eines Mandalas auf der Hand kostet rund 1300 Euro – etwa das Zehnfache des Tattoo-Preises. Doch das Ganze könnte bald zum Luxus werden: Ab Ende 2020 dürfen einer neuen Verordnung zum Strahlenschutz zufolge nur noch Ärzte ungeliebte Tattoos per Laser entfernen. Bislang durfte jeder die Dienstleistung anbieten, der über ein Lasergerät sowie einen Gewerbeschein verfügt und einen Laserschutzkurs absolviert hat. (jb)

Magdeburg l Es geht von kleinen Zeichen bis zu großflächigen Gemälden – Tattoos gehören inzwischen für viele zum Lifestyle dazu. Experten zufolge ist jeder Vierte in der Kerngruppe zwischen 16 und 30 Jahren tätowiert. Auch in der Sportwelt hat die Zahl der gestählten Athleten mit permanenter Körperbemalung zugenommen. Dabei waren es eher die Enfant Terribles wie NBA-Star Allen Iverson, Box-Rüpel Mike Tyson oder Fußballprofi David Beckham, die Vorreiter dieser Bewegung in der Sport-Szene waren.

In Deutschland brach vor allem Handball-Ikone Stefan Kretzsch­mar das Tabu. In einem Interview mit der „Welt“ erklärte der Ex-SCM-Linksaußen einst zu seiner Intension, Gefühle auf dem Körper auszudrücken: „Erstens finde ich es schön. Und zweitens habe ich so ein Gesamtkonzept, wie mein Körper mal aussehen soll. Da sind Symmetrien und Gleichgewicht wichtig und an dieses Gesamtkonzept passe ich dann die Motive an, die jeweils wichtig sind.“ Die meisten seiner über 20 Tattoos sind mit wichtigen einschneidenden Erlebnissen verbunden. „Jedes Tattoo erzählt auch eine Geschichte.“

Spezielle Untersuchungen zur Verbreitung von Tattoos unter Leistungssportlern gibt es keine. Groben Schätzungen zufolge waren bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 bei rund 300 von insgesamt 10.500 Athleten sichtbare Tattoos zu finden. Die Beweggründe, sich Sprüche, olympische Ringe und andere Symbole tätowieren zu lassen, sind unterschiedlich: Sie reichen vom modischen Statement über die Betonung von Identität und Individualität, Erinnerung an einschneidende Lebensereignisse wie Siege oder schmerzliche Niederlagen bis zur Verdeutlichung einer Gruppenzugehörigkeit. Was alle eint: Die Verzierung des Körpers wird als Kunst betrachtet und ist immer auch eine Herzensangelegenheit.

Bilder

Tattoos selbst entworfen

Familie ist für viele ein großes Thema. Auch für Yul Oeltze. Dass der Kanute vom SC Magdeburg, zweifacher Weltmeister im Canadier-Zweier, „sehr familienverbunden“ ist, spiegelt sich auch in den selbstentworfenen Tattoos auf der Haut wider. So ziert eine von Blättern umrankte Seerose den definierten Rücken. Dazwischen befinden sich die Geburtsdaten der Eltern und des Bruders. „Ich wollte einen besonderen Look, den nicht jeder hat. Das Motiv soll meine Familie symbolisieren, die mich schützend umgibt und mir Halt gibt.“

Der Instagram- und Facebook-Account des Modellathleten ist voll mit Trainingsfotos und viel nackter Haut. Dass mitunter auch das kleine chinesisches Schriftzeichen in der Leistengegend zu sehen ist, das für geistige Kraft stehe, „ist eben so“. Das Tattoo bezeichnet Oeltze als „Jugendsünde“ eines Achtzehnjährigen. „Auch wenn ich es mir heute nicht mehr stechen lassen würde, bereue ich es nicht. Es gehört zu mir.“

Mehr Tiefsinnigkeit und Ästhetik haben dagegen der große Flügel auf dem linken Arm sowie die erweiterbare Banderole ums Handgelenk. Diese zieren der Spruch „fortes fortuna adiuvat“ sowie in römischen Ziffern nochmals die Geburtsdaten des Vaters. „Das lateinische Sprichwort bedeutet für mich so viel wie: ,Das Glück ist mit den Mutigen.‘ Und zu meinem Vater habe ich eben eine ganz besonders enge Verbindung.“ Die Brust des 26-jährigen Polizeimeisters ist indes noch frei. Diesen „ganz besonderen Platz“ hat der Magdeburger für ein Olympia-Tattoo reserviert – sollte er 2020 bei den Sommerspielen in Tokio dabei sein. Was genau er plant, bleibe geheim.

Dass nicht jedermann (seine) Tätowierungen schön findet, sei kein Problem: „Jedem das Seine. Hauptsache, mir gefällt’s. Für mich sind Tattoos Kunst. Außerdem ist es mein Körper. Und mit dem kann ich tun und lassen, was ich will.“

Zwei Flügel bei Wellbrock

Florian Wellbrock hat im Sommer für große Wellen gesorgt. Dem Schwimmer vom SC Magdeburg gelang nämlich das bisher einmalige Kunststück, bei einer Weltmeisterschaft Gold im Freiwasser und im Becken zu holen. Bei den Jubelposen fielen die Tattoos auf der Brust besonders ins Auge: Rechts breitet sich ein Flügel aus, links ist ein Spruch zu sehen: „Genieß dein Leben, du bist länger tot als lebendig.“ Die Zeile aus dem Song „Fühl dich frei“ stammt aus der Feder des Deutsch-Rappers Sido – und zeigt einen Blick in die Gefühlswelt von Wellbrock. Durch den tragischen und frühen Tod seiner Schwester Franziska sei ihm vor Augen geführt worden, „wie schnell alles vorbei sein kann“.

Die Liebe zu Tattoos teilt der 22-Jährige mit seiner ebenfalls in Magdeburg trainierenden Freundin Sarah Köhler. Die 25-jährige Vizeweltmeisterin trägt auf der Innenseite des rechten Oberarms eine Sanduhr mit dem Spruchband: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Der Kompass auf dem Unterarm dient als „Wegweiser in die Zukunft“.

Gegen weitere Verzierungen hätte das Schwimm-Traumpaar nichts einzuwenden – Trainer Bernd Berkhahn jedoch schon. Er hat ein Tattoo-Verbot bis zu den Olympischen Spielen 2024 ausgesprochen, wie Wellbrock bestätigt: „Der Grund ist nachvollziehbar, denn nach dem Flügel-Tattoo war ich zwei Wochen krank und konnte nicht trainieren.“

Rüh Feuer und Flamme für Olympia

Wie bei vielen Tattoo-Liebhabern geht auch bei Diskuswerferin Anna Rüh vor allem die Familie unter die Haut. Die 26-Jährige, die 2015 vom SC Neubrandenburg zum SC Magdeburg kam, hat sich 2013 die Geburtsdaten ihrer Eltern auf dem oberen Rücken verewigen lassen, „symbolisch und als Zeichen der Dankbarkeit, was sie alles für mich getan haben“. Etwas später  kam am Handgelenk in römischen Ziffern das Geburtsdatum des Bruders hinzu – „weil ich es mega cool fand“.

Aber auch der bisherige Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere findet sich auf dem Körper der 1,85 Meter großen Blondine wieder: So ist auf der Hüfte der U-20-Weltmeisterin, die 2012 als 19-Jährige den Sprung zu den Olympischen Spielen in London schaffte, ein Motiv zu finden, das eine Hand zeigt, die die olympische Fackel hält: „Das spiegelt wider, wie unheimlich stolz ich darauf bin, dass ich bei Olympia dabei war und mir den Traum eines jeden Sportlers erfüllen konnte.“

Trendsetterin Janine Lindenberg

Trendsetterin in Sachen Tattoos war bei den SCM-Leichtathleten übrigens Janine Lindenberg: Die 400-Meter-Läuferin, die Mitte 2015 ihre Karriere beendet hat, trägt die drei Wörter Glaube, Liebe, Hoffnung über der Hüfte. Zudem ziert eine Walküre das rechte Schulterblatt und der Name ihres Bruders den Knöchel der Polizeimeisterin.

FCM-Kicker auffällig zugeknöpft

Im Profi-Fußball gehören Tattoos längst zum Alltag. Auch beim 1. FC Magdeburg trägt nach Aussage von Mannschaftsleiter Heiko Horner gut jeder Dritte Bilder auf der Haut. Nur die wenigsten sind bereit, darüber zu sprechen. Neuzugang Anthony Roczen (20) zeigt sich zugeknöpft. Die Tätowierungen auf seinem linken Arm kommentiert er nur knapp: Die Wörter Live, Love, Laugh: „Lebe, Liebe, Lache – mein Lebensmotto“; ein Löwe: „Mein Sternzeichen“; eine Taube: „Steht bekanntlich für Frieden“.

Dass sich viele FCM-Spieler nicht öffentlich zu ihren Tattoos und deren Bedeutung äußern wollen, kann Heiko Horner gut verstehen: „Da stehen oft ganz persönliche und sensible Sachen dahinter, die keinen etwas angehen.“ Der  Zeugwart ist selbst ein großer Fan der Körperkunst. Bei ihm geht die Liebe zum Verein und zu Magdeburg unter die Haut. Auf der linken Brust trägt der 52-Jährige das FCM-Logo, auf dem Rücken riesengroß den Dom und Guerickes Halbkugel-Versuch. Zeigen möchte sie Horner nicht. „Das ist mir zu privat.“

Wiegerts erstes Tattoo mit 23 Jahren

Der Lauf der Zeit bringt es mit sich, dass es auch immer mehr tätowierte Trainer gibt. Bennet Wiegert gehört dazu. Bei dem 37-jährigen Coach der SCM-Handballer blitzt am linken Arm ein Tattoo mit Rosen und den Namen seiner Töchter unter dem T-Shirt hervor. Nicht zu sehen sind die betenden Dürer-Hände und ein Kreuz – sein erstes Tattoo mit 23. Was sein Vater Ingolf davon hielt? „Der bestrafte das radikal, indem er eine Woche nicht mehr mit mir gesprochen hat.“ Etwas mehr anfangen konnte der Olympiasieger dann später wohl mit dem SCM-Logo zwischen Schulterblättern und Nacken des Sohnes. Das erklärt sich bei einem, der „grün-rot“ blutet, nämlich von selbst.

Seinen Spielern und den Töchtern würde er „den Scheiß“ aber am liebsten verbieten: „Da gibt es nichts schönzureden: Es ist ein schmerzhafter und irreversibler Eingriff auf der Haut. Der raubt ähnlich wie Sonnenbrand Kraft und birgt Infektionsgefahren.“ Sein Rat: Genau überlegen, die Motivation hinterfragen und Profis ranlassen.

Moritz Preuss mit Totenköpfen

Handballer sind „harte Hunde“. Vor allem Kreisläufer, wie der Magdeburger Moritz Preuss, müssen einstecken (und austeilen) können. Da kann es nicht schaden, mit furchteinflößenden Totenkopf-Tattoos dem Gegner zu signalisieren: Leg dich besser nicht mit mir an! Doch zu viel will der 24-Jährige, der zu Saisonbeginn von Gummersbach zum SCM wechselte, in seine Tätowierung am rechten Arm gar nicht hineininterpretieren: „Ich fand das Totenkopf-Motiv in Kombination mit den Rosen einfach cool.“ Seine Mutter nicht. Immerhin war ihr Junge noch nicht einmal volljährig, als er auf die „dumme Idee“ kam, sich das bei Rockern und Bikern beliebte Motiv stechen zu lassen:  „Sie hat mich 14 Tage lang links liegengelassen, nicht reagiert und nicht mit mir gesprochen.“

Nicht reden will auch Michael Damgaard über seine vielen Tattoos. „Das ist mir zu persönlich.“ So bleibt es das Geheimnis des Olympiasiegers aus Dänemark, was die Batman-Fledermaus unterm Knie zu bedeuten hat.