London (dpa) - Bunte Kostümierungen, Gesänge in Dauerschleife und festliche Stimmung haben der Darts-WM den Ruf eingebracht, eine mitreißende Mischung aus Karneval und Oktoberfest zu sein. Natürlich fällt die gewohnt wilde Party in Zeiten von Corona aus.

Wenn deutsche Zuschauer aber ab dieser Woche ihren Fernseher einschalten, werden sie dennoch verwundert sein: Während die zweite Welle der Pandemie in Deutschland immer härtere Maßnahmen zur Folge hat, dürfen im Norden Londons zu jeder der 28 Sessions bis zu 1000 Fans in den Alexandra Palace - und dabei ohne Limit Alkohol trinken, wie sie es aus besseren Zeiten gewohnt sind.

Dass die Zuschauer ihr Bier zumindest am eigenen Platz gemütlich genießen dürfen, wird aber nicht über die Ausnahmesituation hinwegtäuschen. Um Reiseverkehr zu verhindern, dürfen ausschließlich Briten das vorweihnachtliche Ambiente im "Ally Pally" live erleben. Während Kostüme und Gesänge verboten sind, werden Weihnachtspullis empfohlen und Masken abseits des eigenen Tischs vorgeschrieben. Auch mit 1000 Menschen im engen Saal werden es ab diesem Dienstag (19.00 Uhr) deutlich leisere Nächte, als es alle Beteiligten aus den vergangenen Ekstase-Jahren gewohnt waren.

Für den Weltverband PDC ist die Teilzulassung von rund einem Drittel der üblichen Kapazität nach monatelangen Geisterspielen eine große Erleichterung - auch finanziell. Auch die Spieler sind froh, dass das Publikum als besonderer Faktor ausgerechnet zum wichtigsten Turnier der Welt zurückkehren darf, nachdem dies in Großbritannien neun Monate lang untersagt war.

"Als Spieler freust du dich immer. Ich finde es schön", sagte Deutschlands Top-Profi Max Hopp der Deutschen Presse-Agentur. Die PDC hatte ihre WM-Entscheidung zu Ort und Termin lange hinausgezögert, um sich diese Option offen zu halten. Auch die Premier League der Fußballer darf seit Anfang Dezember wieder vor reduzierter Kulisse spielen. Dass beim Darts 1000 statt der üblichen gut 3000 Zuschauer in einen geschlossenen Raum dürfen, werden PDC-Boss Barry Hearn und seine Crew in diesen Zeiten als großen Erfolg werten.

Experte Elmar Paulke sieht Stimmung und Fans als elementar für die Zukunft des Trendsports, der die fehlenden Fans in der jüngeren Vergangenheit mit eingespielten Leinwandbotschaften und künstlichen Sounds zu ersetzen versuchte. Paulke vermisst dabei etwas. "Der Eventcharakter geht verloren. Das ist das, warum Darts so einen Erfolg hat. Das ist ein Teil der Faszination", sagte der Kommentator.

In Deutschland, wo sich coronabedingt maximal zwei Haushalte treffen dürfen und Sport-Events seit geraumer Zeit prinzipiell ohne Fans stattfinden, dürften die Bilder aus London komisch anmuten. Gewinner der Situation, dass Deutsche nicht auf die Insel reisen dürfen und im winterlichen Corona-Lockdown verharren, dürften die TV-Sender sein. Sport1 und DAZN übertragen bis zum 3. Januar weit über 100 Stunden. Mit Ausnahme von Weihnachten und Silvester werden täglich stundenlang Pfeile geworfen.

Und die Profis? Treten beim wichtigsten Turnier des Jahres ausnahmslos an. Schottlands Weltmeister Peter Wright ist in Zeiten der Pandemie aufs Auto umgestiegen. Der frühere BDO-Champion Glen Durrant infizierte sich selbst und gewann danach kein Spiel mehr. Routinier Gary Anderson befindet sich derzeit noch in Isolation, weil er Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatte. Damit auch der schottische Ex-Titelträger nach seiner Quarantäne dabei sein kann, hat die PDC sein Spiel extra vom 20. auf den 23. Dezember verschoben.

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