Sheffield (dpa) - Ronnie O'Sullivan strahlte übers ganze Gesicht, als er den Weltmeister-Pokal im Crucible-Theater küsste und vor den rund 300 anwesenden Zuschauern in die Höhe reckte.

Sein unterlegener Gegner Kyren Wilson, den O'Sullivan im Finale der Snooker-WM mit 18:8 deklassiert hatte, applaudierte anerkennend. Sieben Jahre nach seinem letztem WM-Triumph krönte sich O'Sullivan ein sechstes Mal zum Weltmeister und bestätigte seinen Status als Snooker-Legende - auch weil der 44-Jährige angeblich nie an Titel und Bestmarken dachte.

"Würde ich da rausgehen und spielen, als wollte ich Rekorde brechen, dann würde ich nicht so gut spielen, wie ich es tue", versicherte O'Sullivan, der für den 26. Frame nur zehn Minuten benötigt hatte. "Wenn ich anfangen würde, auf den Pokal und die Historie dahinter zu schauen, dann würde ich wahrscheinlich erstarren."

Dabei ist er selbst längst ein integraler Teil der Snooker-Historie. Durch den sechsten WM-Titel zog "The Rocket" mit Ray Reardon und seinem Jugendhelden Steve Davis gleich. Mit dem 37. Ranking-Titel und dem 20. Triple-Crown-Sieg liegt er in beiden Kategorien vor dem Schotten Stephen Hendry, der siebenmal Weltmeister wurde. Auch diese Bestmarke Hendrys ist nun in greifbarer Nähe - für O'Sullivan aber kein Muss. "Wenn ich noch einen weiteren (Titel) gewinne, wäre das fantastisch", sagte er. "Wenn nicht, dann hatte ich eine wunderbare Karriere, und Snooker hat mir viele schöne Momente beschert."

Phasenweise sah es im Crucible nicht danach aus, als ob das Snooker-Genie überhaupt seinen sechsten Triumph feiern würde. Nach dem frühen Ausscheiden von Titelverteidiger Judd Trump drohte auch O'Sullivan im Halbfinale beim Stand von 14:16 gegen seinen englischen Landsmann Mark Selby das Aus. Doch dann sicherte er sich sensationell die letzten drei Frames und gewann mit 17:16. Spazierte "The Rocket" früher schon mal zum Titel, waren es bei dieser WM seine Geduld und Beharrlichkeit, die O'Sullivan schließlich zum Erfolg führten.

Seinen ersten WM-Titel hatte er 2001 im Alter von 25 Jahren gewonnen. Dass er immer noch dabei ist, schreibt O'Sullivan auch der angeblich mangelnden Qualität des Snooker-Nachwuchses zu. Mit kritischen Aussagen über junge Spieler hatte "The Rocket" während des Turniers provoziert. "Viele von ihnen sind so schlecht", hatte er in einem Interview des Senders BBC gesagt. "Ich müsste einen Arm und ein Bein verlieren, um aus der Top 50 rauszufallen."

Doch solche Sprüche schaden der Popularität von O'Sullivan, der als Rock'n'Roll-Star unter den Snooker-Profis gilt, genauso wenig wie seine kritischen Kommentare über die Zuschauer. "Wenn ich da draußen bin, und die Fans rufen "Come on Ronnie, come on Ronnie", macht mir das ein bisschen Angst", sagte er. "Da ist so viel Leidenschaft in den Stimmen, als ginge es für sie um Leben und Tod. (...) Ich wünschte, sie würden etwas leiser sein und uns machen lassen."

Dass wegen kurzfristiger Änderungen der Corona-Regeln in England bis zum Finale keine Zuschauer im Crucible dabei sein durften, kam dem Weltmeister also gelegen. "Mir ist klar geworden, dass ich besser spiele, wenn kein Publikum da ist, weil ich eine andere Konzentration habe", erklärte O'Sullivan, der durch den WM-Triumph auf Platz zwei der Weltrangliste vorrückt. Vorjahressieger Trump bleibt Erster.

Das Publikum beim Finale konnte O'Sullivan nicht mehr aus der Ruhe bringen. Und der geschlagene Wilson hatte am Sonntagabend nur Lob für den neuen Weltmeister übrig. "Der Abend gehört Ronnie", sagte der 28 Jahre alte Engländer. "Er war unglaublich im Finale. Er hat seine Klasse gezeigt. Obwohl er wahrscheinlich nicht mal in Topform war, hat er überragt." Ein Snooker-Genie eben.

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O'Sullivan-Aussagen bei BBC Sport

Telegraph-Bericht

Sky-Sports-Bericht