Warendorf (dpa) - Die Olympia-Mission seiner Wasserballer erinnert Hagen Stamm an das deutsche Fußball-Märchen schlechthin.

"Das wäre schon fast ein Wunder, wenn wir das schaffen würden - das Wunder von Bern, oder das Wunder von Warendorf", sagt der Bundestrainer vor der entscheidenden Woche, auf die sein Team so lange hingearbeitet hat. Vom 14. Februar an geht es für die Männer von Deutschlands Mr. Wasserball um eines der letzten drei Tickets für die Olympischen Spiele in Tokio. Es wäre die erste Olympia-Teilnahme seit dem Jahr 2008.

Für das große Ziel haben sich die Wasserballer einkaserniert. Auf dem Bundeswehrgelände in Warendorf bereitete sich das Team um Kapitän Julian Real und Bundestrainer-Sohn Marko Stamm auf das Turnier in Rotterdam vor. "Schlafen, essen, Schwimmbad, essen, schlafen, Schwimmbad" - so beschreibt Stamm den Standard-Tagesablauf der vergangenen rund fünf Wochen. Es waren Wochen mit Hindernissen.

Aus Vorsicht vor dem Coronavirus bewegten sich die Sportler nur zwischen Unterkunft und Training hin und her. Keine Einkäufe im Supermarkt, keine persönlichen Kontakte zu fremden Menschen. Durch die Fokussierung und das harte Training seien seine Spieler fit, sagt Stamm. Allerdings sammelten die Wasserballer seit Beginn der Coronavirus-Pandemie kaum Wettkampf-Praxis.

"Uns fehlt ein bisschen der internationale Vergleich", sagt Stamm, dessen Team auch einige Ausfälle wegstecken musste. Eine Reise nach Montenegro konnte wegen der Pandemie nicht stattfinden, ein Testspiel gegen den Olympia-Achten Brasilien fiel wegen Reisebeschränkungen kurzfristig aus. "Die Brasilianer haben schon am Abfluggate gestanden und dann kam unsere Bundesregierung mit der neuen Regelung, dass sie nicht durften", sagte Stamm der Deutschen Presse-Agentur.

Trotz der Einkasernierung hat der 60-Jährige bei seinen Schützlingen keinen Lagerkoller ausgemacht. Im Gegenteil: "Der Teamspirit ist erstaunlich gut", sagt Stamm. Ein Tischtennis-Turnier, Biathlon mit den Waffen der Modernen Fünfkämpfer und Beachvolleyball auf dem Indoor-Sandplatz der Sportschule haben die ganz große Langeweile verhindert. Der größte Faktor für den Zusammenhalt ist aber wohl der gemeinsame Traum vom Ringespektakel. Dass das wegen Corona auch 2021 gefährdet sein könnte, blenden Stamm & Co. so gut wie möglich aus.

"Es ist das größte Ziel, das zu schaffen", fasst Kapitän Real die Tokio-Sehnsucht zusammen. "Alle wollen dahin und dafür werden wir kämpfen." Der 31-Jährige und Marko Stamm sind die einzigen aktuellen Nationalspieler, die in Peking 2008 bereits dabei waren.

Um es nach Japan zu schaffen, muss das Team des Deutschen Schwimm-Verbandes zunächst in einer Sechsergruppe mit den Niederlanden zum Auftakt, Frankreich, Russland, Rumänien und dem WM-Dritten Kroatien liefern. "Für uns ist jedes Spiel schon ein Endspiel", sagte Hagen Stamm, der die Chancen auf Olympia auf "10 bis 20 Prozent" beziffert. Er ist kämpferisch: "Vielleicht schaffen wir mit dem Geist von Warendorf eine Sensation."

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