Berlin (dpa) - Von der Eröffnung des Humboldt Forums in Berlin erwarten sich Verantwortliche in Politik und Museen neue Schubkraft für die Diskussion um Restitutionen kolonialer Objekte.

"Das Humboldt Forum wird eine Blaupause für einen partnerschaftlichen Dialog und zukunftsfähigen Umgang miteinander sein, an der man unsere Ernsthaftigkeit wird ablesen können", sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Der erste Teil des Humboldt Forums in Berlin soll im September eröffnet werden. Nach dpa-Informationen ist die Eröffnung während der Art Week vom 9. bis 13. September geplant. Das 40.000 Quadratmeter umfassende Kultur- und Ausstellungszentrum bespielen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit zwei ihrer Museen, das Land Berlin und die Humboldt-Universität. Gezeigt werden sollen Exponate aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien und Objekte zur Geschichte Berlins. 

"Deutschland unternimmt große Anstrengungen bei der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit", sagte Grütters. "Wir setzen uns intensiv und verantwortungsbewusst mit unserer historischen Verantwortung auseinander." Grütters verwies auch auf die Förderung der Provenienzforschung beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

"Wie anspruchsvoll der Umgang mit den Herkunftsgesellschaften ist, kann man anhand der bisher erfolgten Rückführungen sehen. Trotz bester Absichten nehmen verantwortungsvolle Rückführungen viel Zeit in Anspruch." Auch durch das Humboldt Forum sei die Frage des Umgangs mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten stärker in den Fokus gerückt. "Bei Sammlungsgütern aus außereuropäischen Kulturen besteht generell eine erhöhte Aufmerksamkeit für das Thema. Auch dadurch sind die Erwartungen an das Humboldt Forum noch einmal gestiegen."

Die Fokussierung allein auf die koloniale Thematik werde dem Humboldt Forum aber nicht gerecht, sagte Grütters, "weil das nur ein relativ kleiner Anteil der Gesamtpräsentation dort sein wird".

Auch Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sieht das Humboldt Forum als neue Chance für das Thema Rückgaben. "Es war ohnehin an der Zeit, dass den Themen Kolonialismus und koloniale Schuld gerade auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird", sagte Parzinger der dpa. "Die Architektur des Schlosses, die an diese Zeit erinnert, hat die Diskussion natürlich noch verschärft", sagte er mit Blick auf die weitgehende Rekonstruktion des alten Hohenzollern-Schlosses. Das Forum werde aber ein Ort sein, wo solche Fragen auch öffentlich debattiert werden.

Kritik kommt etwa von Seiten des Historikers und Hamburger Uni-Professor Jürgen Zimmerer, der "keinen wirklichen Dialog" zwischen Europa und den Herkunftsländern über Rückgaben sieht. "Wir brauchen eine breite Debatte in Deutschland, wie wir uns dazu stellen, dass unsere Museen voller gestohlener Objekte sind", sagte Zimmerer der dpa zuletzt.

Parzinger appellierte, Kritiker sollten "auch verstehen können, warum Provenienzforschung Zeit braucht". Es sei nicht so, "dass man schnell mal eine Liste durchgeht und dann entscheidet: Das geht zurück und das bleibt hier". Provenienzen zu erforschen sei ziemlich komplex. "Erst auf der Basis von Erkenntnissen darüber, wie Objekte in die Sammlung kamen, können weitere Entscheidungen getroffen werden. Wenn ein Unrechtskontext vorliegt, sollten Dinge auch zurückgegeben werden." In vielen Fällen sei die Sachlage nicht so klar. "Da ist die Zusammenarbeit mit den Herkunftskulturen umso wichtiger, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen."

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) verwies auf die neue Koordinierungsstelle der Länder für die Rückgabe von geraubten Kulturgütern aus kolonialen Kontexten. "Der zweite wichtige Schritt ist, alles dafür zu tun, dass die Bestände digitalisiert öffentlich für alle zugänglich aufbereitet werden", sagte Lederer der dpa. Die "nicht ganz einfache Aufgabe" müsse so schnell wie möglich passieren. Wo Rückgabeverlangen existierten, müssten Provenienzen transparent nachvollzogen werden, um "solchen Rückgabeverlangen zu entsprechen".

Aus Sicht Lederers ist das kein einfacher Prozess. "Auch die Völkerrechtssubjekte, die den Kolonien nachfolgen, haben ja ihre Wurzeln in den kolonialen Verhältnissen und die Folgen dessen wirken bis heute auch in den einstmals kolonisierten Gesellschaften fort", sagte der Senator. "Die Herero und Nama beispielsweise haben in Namibia heute auch aufgrund des Genozids gar nicht die Möglichkeit, ihre eigenen Ansprüche und Interessen in dem Maße geltend zu machen."

Lederer plädierte für eine Beweislastumkehr. "Wenn man nicht einwandfrei belegen kann, dass diese Kulturgüter mit vollem Einverständnis der vorherigen Eigentümer erworben wurden, dann sind sie zurückzugeben." Zur kolonialen Amnesie und den Folgen des Kolonialismus gehöre ja auch, dass "zum Teil überhaupt nicht mehr nachvollziehbar ist, über welche Kanäle welche Kulturgüter wohin geraten sind".

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