München (dpa) - Als Ernst Augustin 2012 erfuhr, dass er für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, amüsierte ihn das königlich. "Ich bin seit einem halben Jahrhundert der ewige Geheimtipp", sagte er damals. "Das ist nicht ohne Komik."

Jetzt ist der Autor von Büchern wie "Die Schule der Nackten" und "Robinsons blaues Haus" am 3. November im Alter von 92 Jahren in München gestorben. Sein Verlag C.H. Beck würdigte ihn am Montag als "einen der großen Schriftsteller deutscher Sprache". Das Romanwerk, das er hinterlässt, sei "von seltener erzählerischer Virtuosität und Originalität".

Dabei war das Schreiben zuletzt beschwerlich geworden. Nach einer missglückten Operation eines Hirntumors war Augustin seit Jahren so gut wie blind; seine Hand war gelähmt. Das Haus verließ er zum Schluss nur selten. "Meine Welt ist ganz schön klein geworden", sagte er einmal in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Augustins literarisches Schaffen war untrennbar verbunden mit seiner Arbeit als Mediziner und Psychiater. Sein zentrales Thema: Was ist das Ich? Augustin wurde 1927 als Sohn eines Lehrers in Hirschberg im Riesengebirge geboren, aufgewachsen ist er in Schwerin. In Ost-Berlin studierte er Medizin und arbeitete als Assistenzarzt für Neurologie und Psychiatrie, ehe er in den Westen floh. Augustin war Mitglied der Gruppe 47.

Von 1958 bis 1961 leitete er ein Krankenhaus in Afghanistan. Diese Jahre, in denen er auch nach Indien reiste, haben ihn und sein literarisches Schaffen geprägt. Sein "Mahmud der Bastard" (1992) beleuchtet historischen Stoff aus Afghanistan.

An die Zeit dort, in der er nach der Arbeit viel am Schreibtisch saß, schrieb und aus dem Fenster über die Wüste blickte, erinnerte er sich gerne. Zurückgekehrt ist er nie, "um die Erinnerungen nicht zu verwässern", wie er einmal sagte. In München arbeitete er als Arzt und später als psychiatrischer Gutachter. Zu Augustins bekanntesten Werken gehören sein Erstling "Der Kopf" (1962) und "Die Schule der Nackten" (2003). Er schrieb darin ungeschminkt über die Eindrücke eines Althistorikers in einem Münchner FKK-Bad. "Man kann seine eigene Bühne schaffen", sagte Augustin über das Schreiben.

Sein "Robinson" war für ihn - trotz erfolgloser Buchpreis-Nominierung - etwas ganz besonderes: "Mein "blaues Haus" empfinde ich wie das Dach über meinen ganzen Büchern. Es ist so etwas wie mein "Faust" - oder eher ein "Fäustchen"", sagte er über seine Fabel vom letzten Robinson in einer Welt ohne Freiräume, in der er seinen Helden durch Zeit und Raum reisen und sich Räume einrichten lässt in Grevesmühlen, in blauer Südsee, in London und New York.

Die Öffentlichkeit offensiv gesucht hatte er nie - sie ihn aber auch nicht, sagte er. "Ich habe keinen Abstand genommen, die haben Abstand von mir genommen. Ich war nicht ihr Thema", sagte er einmal über den Kulturbetrieb. "Die bundesdeutsche Wirklichkeit ist nicht mein Thema. Das können andere besser. Mein Thema ist die pure Existenz als solche - und das ist natürlich sehr abstrakt."

Augustin lebte zurückgezogen im Münchner Stadtteil Neuhausen - in einem Haus, das er vor Jahrzehnten gekauft und liebevoll hergerichtet hatte. Von seiner Ehefrau Inge ausgemalt, wirkte es wie ein verwirrendes Raum-Wunderwerk und Kunst-Labyrinth, wie es auch in manchen von Augustins Romanen vorkam. Die holzverkleidete Bibliothek, in der er früher schrieb und seine Schätze aufbewahrte, hatte er komplett selbst gebaut - im Stil einer Schiffskajüte.

Anfang 2016 brachte der Beck-Verlag Augustins Romanerstling "Der Kopf", für den er einst den Hermann-Hesse-Preis erhalten hatte, neu auf den Markt. "Mit dieser Ausgabe wird Augustins Debüt, das Jahrzehnte lang vergriffen und zum Geheimtipp geworden war, erstmals wieder zugänglich", schrieb der Verlag. Es sollte das letzte Buch sein, das er von Augustin auf den Markt brachte. Ein Abschiedsgeschenk.

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