München (dpa) - Der Deutsch-Brite Christoph Röhl hat den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu seinem großen Filmthema gemacht. Er hat eine Dokumentation und einen Spielfilm über den Missbrauch an der Odenwaldschule gedreht.

In seinem neuen Dokumentarfilm thematisiert er den großen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Es ist ein Porträt über den deutschen Papst Benedikt XVI., über Joseph Ratzinger.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie von Papst Benedikt XVI. so fasziniert sind, dass Sie einen Film über ihn gedreht haben?

Das ist eine sehr interessante Frage und die Antwort nicht ganz einfach. Ich hatte einen Film zum Thema Missbrauch an der Odenwaldschule gemacht und in diesem Zusammenhang habe ich Betroffene aus dem katholischen Kontext getroffen. Wir haben darüber nachgedacht, ob es möglich sei, einen ähnlichen Film über die systemischen Ursprünge des Missbrauchs in der katholischen Kirche zu machen. Aber wo fängt man da an? Dann ist mir die Idee gekommen, nicht über die katholische Kirche an sich einen Film zu machen, sondern konkret über Joseph Ratzinger. Wie unter einem Brennglas sah ich in ihm das Potenzial, über sein Privatleben und seinen Lebenswandel hinaus, eine universelle Aussage über die institutionelle Kirche treffen zu können: über ihre Kultur, ihre Art zu denken, über ihre Motivationsgründe und ihre Art zu Handeln. Das hat mit seinem Verständnis von Kirche zu tun – und mit dem absoluten Wahrheitsanspruch der Kirche, dem sich Ratzinger verschrieben hat und den er irgendwie auch verkörperte. Wer einen solchen Wahrheitsanspruch hat, fühlt sich berufen, diese Wahrheit gegen Andersdenkende zu schützen. In meinem Film kommen die Opfer dieses Systems, deren Wahrheiten dadurch geleugnet wurden, zu Wort.

Sie haben einige Jahre an dem Film gearbeitet. Warum so lange?

Als kirchenferner Engländer hatte ich wirklich wortwörtlich nichts mit dem Katholizismus zu tun gehabt. Ich wusste wirklich ganz wenig. Und das musste ich mir alles aneignen, dieses ganze Wissen - aber auch die ganze Kultur, die Mentalität. Mir war es ganz wichtig, dass ich mich in diese Welt hineinfühle und auch das Schöne daran in meinem Film wiedergebe. In meinem Film geht es auch nicht um den Glauben. Ich glaube selbst nicht an Gott und ging nie zur Kirche. Aber dass andere gläubig sind und zur Kirche gehen - damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich will nicht die Religion aus der Welt schaffen.

Aus dieser hineingefühlten Perspektive: Welches Urteil fällen Sie über das Pontifikat Benedikts XVI.?

Für mich ist er gescheitert. Er ist ein gescheiterter Papst.

Warum?

Er hatte das Ziel, den Glauben in die Welt zu bringen und die Kirche zurück zu alter Stärke. Aber in Erinnerung wird er bleiben für die Zeit, in der tausendfacher Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche bekannt wurde – und gleichzeitig für den Versuch, ihn zu vertuschen. Spätestens Ende der 1980er Jahre wusste er, dass es Missbrauch in der Kirche gibt, und zwar als etliche Fälle in den USA ans Licht kamen. Bald darauf sind auch in anderen Ländern Skandale öffentlich geworden: in Kanada, Irland und Australien. Diese Skandale sorgten monatelang für Schlagzeilen und führten dazu, dass das Vertrauen in der Kirche erschüttert wurde. Man hat natürlich auch im Vatikan davon Kenntnis genommen. Es war kein Geheimnis.

Warum ist Ratzinger aus Ihrer Sicht so weit gekommen?

Joseph Ratzinger war 23 Jahre lang Präfekt der Glaubenskongregation. Ein Vierteljahrhundert lang hatte er also neben dem Papst die mächtigste Position im Vatikan. Er kannte das System besser als alle anderen. Und er kannte all die Männer, die zur Wahl gingen. Als Johannes Paul II. starb, hat er die Predigt auf seiner Totenmesse gehalten. Dann, einen Tag vor dem Konklave, hat er seine berühmte Rede "Diktatur des Relativismus" gehalten, in der er wieder alle Ideen verteufelte, die mit der katholischen Lehre nicht zu vereinbaren waren. Bei den konservativ eingestellten Kardinälen, die ähnlich wie Ratzinger die Kirche in einer zunehmend säkularisierten Welt bedroht sahen, kam das gut an. Das wird vermutlich der Grund gewesen sein, warum man ihn dann am nächsten Tag zum Papst wählte.

Sehen Sie Parallelen zwischen der eher linken Odenwaldschule und der erzkonservativen katholischen Kirche?

Es sind beides letzten Endes autoritäre Strukturen. Aus meiner Sicht war die Odenwaldschule nur nach außen hin demokratisch. In Wahrheit war es ein System, in dem schwache Kinder dem autoritären Schulleiter Gerold Becker und seinen Mittätern gefügig gemacht wurden und schutzlos ausgeliefert waren. Eine weitere Parallele ist, dass in beiden Institutionen eine Überzeugung herrschte beziehungsweise herrscht, die lautet: Wir sind die Guten und unsere Mission darf deswegen auf keinen Fall gefährdet werden.

ZUR PERSON: Der Deutsch-Brite Christoph Röhl wurde im britischen Brighton geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Manchester - und danach Regie- und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Große Aufmerksamkeit bekam seine Dokumentation über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule und der Spielfilm "Die Auserwählten", der sich mit dem gleichen Thema befasst. Röhl hatte selbst einige Jahre als Englisch-Tutor an der Odenwaldschule gearbeitet.

Infos zum Film und Trailer

Biografie Christoph Röhl