Stuttgart (dpa) - Eine Stadt wie ein Zungenbrecher. Tenochtitlan. Die damals wohl größte Metropole der Welt. Geschätzt mehr als 250.000 Menschen sollen sich auf den Straßen der Insel, zwischen den Tempeln und Märkten, den Kanälen und Plätzen getummelt haben.

Der Stadtstaat auf dem Gebiet der heutigen Mega-Stadt Mexiko-City muss als kulturelles und politisches Zentrum der Azteken eine beispiellose Ausstrahlung gehabt haben. Doch innerhalb von nur zwei Jahren lag ihr Glanz in Trümmern, zerstört vom spanischen Eroberer Hernán Cortés und seinen Truppen, die Bevölkerung erschlagen, dezimiert durch eingeschleppte Krankheiten oder geflohen.

Vor genau 500 Jahren landete Cortés im Golf von Mexiko. Mit einer großen Ausstellung aztekischer Kunst, mit Skulpturen, Schmuck, Schilden und Mosaikmasken wirft das Stuttgarter Linden-Museum nun ein neues und weniger blutrünstiges Licht auf die zerstörte Kultur dieses einstigen Imperiums.

Dabei spannt die Große Landesausstellung einen weiten Bogen: vom Alltag der Azteken (ca. 1430 – 1521 n. Chr.) über deren Politik der Tribute, die das Reich seinen eroberten Provinzen auferlegte, bis hin zu den rituellen Opfergaben, die auch zahllose Menschenleben kosteten. "Es ist die erste Ausstellung, in der versucht wird, das Alltagsleben der Azteken darzustellen, auch, um dieses oft auf seine Rituale reduzierte Volk zu humanisieren", sagte Co-Kurator Martin Berger.

Im Fokus der Ausstellung (12.10.2019 - 03.05.2020) mit ihren rund 150 Leihgaben stehen eine Grünsteinfigur des Landesmuseums Württemberg und zwei von weltweit noch vier erhaltenen, leuchtend farbigen Federschilden der Azteken. Sie wurden bereits 1599 erwähnt und vom damaligen württembergischen Herzog genutzt, der als indigener Südamerikaner verkleidet mit dem Schild durch den Park geritten sein soll. Detailverliebt, filigran in der Herstellung und teils in verblichenen Farben erzählen nicht nur diese ausgestellten Objekte vom untergegangenen Reichtum im heutigen Mexiko.

"Natürlich hat der Krieg eine Rolle gespielt bei den Azteken. Aber die Kunst, die in dieser Region entstanden ist, ist absolut herausragend", sagt Doris Kurella vom Linden-Museum. Sie zeichne sich aus unter anderem durch sehr komplexe Motive, kombinierte Erzählungen und die Darstellung verschiedener Gottheiten. Und sie lasse erahnen, welche Pracht die Eroberer am Hofe des Aztekenherrschers vorfanden.

Wuchtig und voller fantasievoll gemeißelter Merkmale erscheint zum Beispiel das Räuchergefäß in Gestalt der Fruchtbarkeitsgöttin Chalchiuhtlicue; comicartig die Zeichnungen der Bilderhandschriften (Codices), die neben den eher einseitig gefärbten kolonialzeitlichen Berichten der Europäer die einzigen Quellen aus jener Zeit darstellen; und ein leichtes Schaudern überkommt den Besucher beim Betrachten der durchbohrten Schädel, mit denen die Azteken ihrer Ahnen gedachten.

Besucher werden in den verwinkelten Räumen des Museums geleitet vom Weg der Tribute: von den Provinzen über die Stadt Tenochtitlan bis hinein in den pyramidenartigen Templo Mayor, wo sie auch als Gaben an die Götter dargeboten wurden. Dazu gehörten Umhänge aus Federn seltener Vögel ebenso wie besonders große Edelsteine und Goldschmuck, Muscheln und auch Herzen, die den Menschen bei einer Zeremonie bei lebendigem Leib herausgerissen wurden.

Deutlich macht die Schau im Linden-Museum auch den Umfang des damaligen Azteken-Zentrums Tenochtitlan. Innerhalb von wenigen Jahren machten die einfallenden Spanier diese einst größte Stadt der Welt dem Erdboden gleich und löschten damit die aztekische Hochkultur aus. Der Templo Mayor kam Ende der 70er Jahre wieder ans Licht, als Elektroarbeiter in Mexiko-Stadt die imposante kreisförmige Statue der Göttin Coyolxauhqui entdeckten.

In den vergangenen Jahren stießen Archäologen immer wieder auf weitere Relikte der Azteken, auf Tempelreste, Skulpturen - und auch auf Überreste eines Schädelgestells hinter einer Kathedrale von Mexiko-Stadt. Einige dieser jüngsten Funde werden erstmals im Linden-Museum gezeigt.

Azteken-Ausstellung

   

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