Kiel (dpa) - Zehntausende Menschen ziehen durch die Kieler Innenstadt und flanieren am Fördeufer entlang, hin zum Bürgerfest am Tag der Deutschen Einheit. Das Fest ist ein Besuchermagnet.

Völlig abgeschottet und umringt von dutzenden Polizeifahrzeugen dagegen die Sparkassen-Arena, in der der Festakt mit den Spitzenrepräsentanten des Staates stattfindet. Kanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Daniel Günther (beide CDU) als Gastgeber sprechen stolz über die deutsche Einheit, loben den Mut der Ostdeutschen im Wendeherbst 1989 - und verbinden das mit vielleicht mehr nachdenklichen Worten als sonst bei solchen Anlässen.

Angesichts des Mauerfalls vor 30 Jahren und auch im Blick nach vorn hatte Schleswig-Holstein dem Einheitstag das Motto "Mut verbindet" gegeben. "An diesen Mut von 1989 wollen wir heute erinnern und gleichzeitig dazu aufrufen, selbst wieder etwas mutiger zu werden", sagt Günther. "Uns nicht von Zukunftsangst überwältigen und von Angstmachern in Extreme treiben zu lassen", fügte er als Aufforderung hinzu.

"Einen Teil dieses Ausnahmezustandes hätte man sich bewahren müssen", sagt ein Zeitzeuge aus der damaligen Grenzregion in einem Film, der die Freude unmittelbar nach der Grenzöffnung emotional einfängt. Viele der 1250 Ehrengäste nicken. Sie lassen sich auch in den Bann ziehen von Bildern der Sandmalerin Svetlana Telbukh, die zu Musik von Mendelssohn Bartholdy mit anrührenden Bildern Teilung und Wiedervereinigung symbolisch auf einen Riesenbildschirm zaubert. Fasziniert sind sie auch vom leidenschaftlichen Appell der Poetry-Slammerin Mona Harry, Mut zu zeigen und Angst zu bekämpfen.

Von einer "wunderschönen Gedenkfeier" spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. "Mir hat das sehr gut gefallen", sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Die Feier habe notwendige Ernsthaftigkeit mit viel Schwung verbunden.

Für die Ernsthaftigkeit sind Merkel und Günther zuständig. Die Kanzlerin ermuntert zu lebendigen, auch kontroversen Diskussionen über die Herausforderungen dieser Zeit. Dabei müssten die Spielregeln aber eingehalten werden. "Die Werte des Grundgesetzes müssen jede Debatte in unserem Lande bestimmen." Freiheit, Rechtsstaatlichkeit Demokratie und Weltoffenheit müssten immer wieder aufs Neue behauptet werden. "Zu unserer Verpflichtung gehört, dass niemand, der öffentlich Verantwortung übernimmt - auch nicht Politiker und Ehrenamtliche -, um Leib und Leben fürchten muss."

Gesamtdeutsch denken, nicht in Ost-West-Schablonen - das ist eine Kernbotschaft von Günther. "Es wird uns stärken, wenn wir gemeinsam mutiger und zuversichtlicher in die Zukunft schauen", sagt er. "Rücken wir enger zusammen!" Und: "Erlauben wir uns in Zukunft mehr Fröhlichkeit! Gestatten wir uns mehr Gelassenheit!". Übrigens gehört zu den Gästen auch ein Vertreter eines immer noch geteilten Landes: Günther begrüßte den Vizeminister Südkoreas für Vereinigung.

Nach dem ökumenischen Gottesdienst gehen Merkel und Steinmeier auf hinter Absperrungen wartende Menschen zu. Sie schütteln Hände, geben Autogramme, wechseln ein paar Worte. Steinmeier macht ein Selfie mit einem Schaulustigen. Kein Vergleich zu den Pöbeleien und Übergriffen gegen Politiker in Dresden vor drei Jahren.

Aus Polizeisicht verlief der Einheitstag bis in den Nachmittag hinein ruhig und ohne größere Zwischenfälle. Überall waren Polizisten unterwegs. Der Zugang zum ohnehin mit einem Zaun abgesperrten Areal der Verfassungsorgane wurde wie im Flughafen kontrolliert. Über der Stadt kreiste ein Polizeihubschrauber, auch eine Drohne flog. Auf der Förde fuhr ein Schlauchboot mit schwerbewaffneten Sicherheitskräften Patrouille. Es war der größte Polizeieinsatz seit Jahren - mit mehr Beamten als zur Kieler Woche.

Wie viele Besucher das zweitägige Bürgerfest besuchten, wollte die Polizei zunächst nicht schätzen. Im Vorfeld hatte die Landesregierung mit 500 000 Menschen gerechnet. Allerdings hatte am Mittwochabend kräftiger Regen viele vom Bürgerfest vertrieben oder vielleicht auch vom Besuch abgehalten. Gekommen ist auch eine Familie aus dem Bürgerkriegsland Jemen. Er würde sich freuen, gäbe es in seiner Heimat auch Frieden wie im früher geteilten Deutschland, sagt der Familienvater.