Palu (dpa) - Auf dem Parkdeck der Grand Mall, des großen Einkaufszentrums von Palu, oberhalb des Strands, fühlen sich die Leute anfangs noch sicher. Einige filmen mit dem Smartphone hinaus aufs Meer. Zu sehen ist, wie eine mächtige Welle aufs Land zurollt.

Langsam zwar, aber mit großer Gewalt. Als sie auf die Küste trifft, ist es mit dem Gefühl der Sicherheit vorbei. Das Bild verwackelt. Eine Frau ruft: "Gott, steh mir bei." Dann ist alles schwarz.

Das war der Moment, in dem am Freitagabend nach einer Serie von Erdbeben ein Tsunami die Westküste der indonesischen Insel Sulawesi traf. Am späten Sonntagabend, also gut zwei Tage später, berichtet das indonesische Online-Nachrichtenportal Kumparan unter Berufung auf die nationale Polizei von mindestens 1203 Toten. Offiziell wurde diese Zahl zunächst nicht bestätigt. Doch die Regierung hatte zuvor bereits die Befürchtung geäußert, dass die Zahl der Todesopfer in die Tausende geht.

Schon die vorläufige offizielle Bilanz liest sich schrecklich: Allein in Palu, einer Stadt mit etwa 350 000 Einwohnern, wurden mindestens 821 Tote und mehr als 540 Schwerverletzte gezählt. In den Ruinen der Häuser und im Schlamm wurden noch Dutzende vermisst, auch fünf Ausländer. Niemand glaubt, dass es bei den vorläufigen Opferzahlen bleibt.

Ähnlich sieht es vermutlich an vielen anderen Orten entlang der Westküste von Indonesiens viertgrößter Insel aus. Weil die Beben die Straßen aufgerissen haben, kommt kaum jemand durch. Übers Wochenende gab es immer wieder Nachbeben. Befürchtet wird, dass die Zahl der Toten letztlich in die Tausende geht. Alles in allem sind etwa 300 Kilometer Küste betroffen, mit mehr als 1,5 Millionen Menschen.

Viele dort leben von der Fischerei, in Donggala zum Beispiel, einer Gemeinde im Norden, etwa 20 Kilometer vom Epizentrum des schlimmsten Bebens. Touristen sind dort kaum unterwegs. Nach Angaben aus dem Auswärtigen Amt gibt es bislang keine Hinweise, dass Bundesbürger unter den Opfern sind. Ein Deutscher, der zum Tauchurlaub in Donggala war, ist nach Angaben der Behörden wohlauf.

Die Zwischenbilanzen gibt regelmäßig der Sprecher von Indonesiens Katastrophenschutz, Sutopo Nugroho, bekannt. Bislang sagt er stets noch einen Satz dazu: "Wir erwarten, dass die Zahlen noch steigen." In dem Riesenland aus 17 000 Inseln, die alle auf dem Pazifischen Feuerring liegen, der geologisch aktivsten Zone der Erde, haben sie mit solchen Sachen Erfahrung. Hier bebt die Erde immer wieder. Erst kürzlich starben auf Lombok, der Nachbarinsel von Bali, mehr als 500 Menschen. Auch Vulkanausbrüche sind keine Seltenheit.

Und alle erinnern sich jetzt wieder an den verheerenden Tsunami an Weihnachten 2004. Von allen Ländern in der Region beklagte Indonesien damals die meisten Toten: mehr als 160 000. Seither sind die Leute besser vorbereitet. Wissen, dass sie landeinwärts flüchten sollen, auf höher gelegene Gebäude oder Straßen. Nicht allen hat das jetzt geholfen. Am Sonntag wurde begonnen, die Toten in Massengräbern beizusetzen.

Bevor das Meer wieder über Land hereinbrach, hatte auf Sulawesi, mehrmals die Erde gebebt. Am Freitagabend, als es schon dunkel wurde, gegen 18.00 Uhr (Ortszeit), kam dann das schlimmste Beben: Stärke 7,4. Die ausgelösten Wellen waren bis zu sechs Meter hoch. Eine der Handy-Aufnahmen, die jetzt übers Internet um die Welt gingen, ist von einem Mann draußen im Meer, auf einem Boot. Er sagt: "Betet für mich, dass ich überlebe." Nach allem, was man weiß, hat er es geschafft.

Besonders schlimm traf es Palu: die größte Stadt an der Westküste, in einer engen Bucht gelegen, was den Tsunami wohl noch schlimmer gemacht hat. Die Videos zeigen, wie die Wassermassen ganze Häuser mit sich reißen und Menschen, Autos, Mopeds, Bäume dazu. Auch die große Moschee mit ihrer grünen Kuppel ist schwer beschädigt. Und die Grand Mall, auf deren Parkdeck die Leute die herannahende Welle filmten.

Aus den Resten des Einkaufszentrums sind am Sonntag Rufe zu hören. Vermutet wird, dass noch mehr als ein Dutzend Menschen eingeschlossen sind. "Im dritten Stock gibt es einen kleinen Durchgang. Wir geben alles. Aber wir kriegen die Leute nicht raus", sagt einer der Retter namens Novri dem Sender Metro TV. Aus den Geschäften im Erdgeschoss besorgen sich die Leute trotz Einsturzgefahr etwas zu essen. Der Hunger ist größer als die Angst.

In der Nähe ist das siebenstöckige Hotel "Roa-Roa" zusammengebrochen. Dort werden sogar noch 50 Gäste in den Trümmern vermutet. Auch hier fehlt es an Gerät und an Strom. Es ist ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit. Am Abend, als es schon wieder dunkel ist, wird eine Frau aus der Ruine gezogen. Einer der Retter, Retno Budiharto, sagt: "Zum Glück lag sie unter einer Matratze. Deshalb hat sie überlebt."

Ein paar Hundert Meter weiter, vor der Undata-Klinik, werden die weniger schlimm Verletzten draußen behandelt. Direktor Komang Adi Sujendra fleht: "Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können." So einfach ist das nicht. Das Beben hat auch Kommunikationsleitungen zerstört. Zumindest Palus Flughafen ist aber wieder in Betrieb, trotz der Schäden auf der Landebahn. Mit Transportflugzeugen fliegt Indonesiens Militär nun Medikamente, Zelte und Decken ein.

Inmitten des Leids hat schon eine Diskussion begonnen, ob alles getan wurde, um die Auswirkungen des Tsunamis so gering zu halten wie möglich. Die Behörden lösten zwar Tsunami-Alarm aus, hoben ihn aber nach nur 34 Minuten wieder auf - aus Sicht von Kritikern viel zu früh. Am Strand von Palu, wo viele auf den Beginn eines Festivals warteten, wurde angeblich überhaupt nicht gewarnt. Katastrophenschutz-Sprecher Sutopo bestätigt: "Es gab keine Sirene. Viele waren sich der Gefahr nicht bewusst."

Am Sonntag macht sich Indonesiens Präsident Joko Widodo in Palu ein Bild von der Lage. Der Chef des 260-Millionen-Einwohner-Landes, der nächstes Jahr wiedergewählt werden will, kommt in Jeans und Turnschuhen. Er verspricht schnelle Hilfe und bittet um Gebete. Zuvor schon hatte er seine Landsleute aufgerufen, Ruhe zu bewahren. "Lasst uns dieses Leid gemeinsam überstehen."

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