La Malbaie (dpa) - Es gab Zeiten, da ging es bei den Gipfeltreffen sieben führender Wirtschaftsmächte noch gemütlich zu. Man nahm sich viel Zeit für die mehr oder weniger drängenden Fragen der Weltpolitik, fuhr mit dem Golfcart zum Arbeitsessen, produzierte schöne Bilder im Strandkorb oder vor Hochgebirgspanorama, verfasste am Ende einvernehmlich Kommuniqués und fuhr alsdann zufrieden wieder nach Hause.

So wird der 44. G7-Gipfel im kanadischen Ferienort La Malbaie ganz sicher nicht ablaufen.

DIE AUSGANGSLAGE: Die Gruppe sieben führender Industriestaaten ist in einem historisch schlechten Zustand. Sie droht in zwei Lager zu zerfallen: Europa und Kanada hier, die USA unter Donald Trump dort. In einer Zeit tiefgreifender Umwälzungen in der Weltpolitik ist vom Schulterschluss der westlichen Wertegemeinschaft nicht mehr viel zu sehen. Das hat viele Gründe, und gestritten wird über vieles.

DIE STREITPUNKTE: Ganz oben auf der Liste stehen die Strafzölle der USA gegen die EU auf Stahl und Aluminium, die nur wenige Tage vor dem Gipfel in Kraft traten. Nicht weniger problematisch ist der Ausstieg der USA aus dem Abkommen zur Verhinderung einer iranischen Atombombe. Die drei europäischen Vertragsparteien Frankreich, Deutschland und Großbritannien - alle in Kanada dabei - wollen den Vertrag unbedingt retten. Die USA setzen dagegen auf möglichst hohen Druck auf den Iran mit Sanktionen. Das Hauptstreitthema des letzten Gipfels, der Ausstieg der USA aus dem Pariser UN-Klimaschutzabkommen, ist zwar fast vergessen - aber immer noch da.

DER AUSREISSER: Zwar ist Kanadas Premier Justin Trudeau Gastgeber, aber im Zentrum des Geschehens steht ganz eindeutig Donald Trump. Über den US-Präsidenten heißt es, er habe überhaupt keine Lust auf die zwei Tage in Kanada. Zu viel Gegenwind, zu wenig Lobpreisung, zu wenig Aussicht auf schnelle Rendite - und außerdem sei der Nordkorea-Gipfel am 12. Juni in Singapur eh viel wichtiger. An die Europäer sandte er vor seiner Abreise nach Kanada eine Kampfansage auf Twitter: "Wir haben die schlechtesten Handelsabkommen aller Zeiten." Er werde in La Malbaie für sein Land kämpfen.

DER GEGENSPIELER: Der französische Präsident Emmanuel Macron antwortete Trump - ebenfalls auf Twitter: "Dem amerikanischen Präsidenten mag es egal sein, wenn er isoliert ist - genauso wenig aber macht es uns etwas aus, eine Vereinbarung von sechs Ländern zu unterzeichnen, wenn die Notwendigkeit dazu besteht." Ende April erst wurden die beiden als das neue politische Traumpaar schlechthin beschrieben. Von all der Kumpelhaftigkeit und in Washington robust demonstrierten Männlichkeit der zwei Lenker scheint nur wenige Wochen später nicht mehr viel übrig zu sein. Die Realität ist dann wohl doch härter als Schulterklopfen und Händchenhalten.

DIE ERFOLGSAUSSICHTEN: Sie sind miserabel. Die Europäer wollen im Handelsstreit nicht klein beigeben. Beim Atomabkommen mit dem Iran ist ebenfalls völlig schleierhaft, wie man wieder zusammenkommen kann. Wenn es tatsächlich eine Abschlusserklärung von nur sechs der G7 geben sollte, wäre das der offene Bruch. Macron legte noch kurz vor Beginn des Gipfels kräftig nach, gab auf Trumps Provokationen offen und hart zurück. Es wäre dann völlig offen, welche Zukunft das Gesprächsformat überhaupt noch hat.

DIE BÜHNE: Die Orte dieser Gipfel sind stets luxuriös und erlesen - und sie werden immer abgeschiedener. Das Hotel "Manoir Richelieu" in La Malbaie liegt weit entfernt von allem, wo sich Protest organisieren könnte. Von der nächstgrößeren Stadt Québec sind es knapp zwei Autostunden. Das Hotel hat 405 Zimmer, 5 Pools, 4 Restaurants, Kasino, Golfplatz und dazu einen Panoramablick über den Sankt-Lorenz-Strom. Das burgähnliche Gebäude wird eine prächtige Kulisse für Bilder bieten, über den wahren Zustand der G7 sagt das aber nichts - geschweige denn über einen Erfolg des Gipfels.

AUFWAND UND PROTEST: Der Gipfel ist rund 600 Millionen kanadische Dollar teuer (etwa 400 Millionen Euro). Der größte Teil davon fällt für die Sicherheit an. Für diesen Freitag kündigten G7-Gegner einen "Day of Disruption" (Tag der Störung) in der 500.000-Einwohner-Stadt Québec an. Zahlreiche Schulen, Kindergärten und verschiedene Regierungsgebäude bleiben geschlossen. Rund 20.000 Kinder und etwa 10.000 Verwaltungsbeamte haben frei.

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