Magdeburg l Das Schöffengericht unter Vorsitz von Martin Schleupner hat einen 31 Jahre alten Magdeburger wegen Raub, mehrfachen Diebstahls und Verstoß gegen das Waffengesetz in dieser Woche zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten verurteilt. Einbezogen hat das Gericht dabei eine Verurteilung des Amtsgerichts Leipzig vom 26. Juni dieses Jahres wegen Körperverletzung, Diebstahls, Hausfriedensbruch und Erschleichung von Leistungen.

Der Angeklagte hatte Glück. Nicht des Urteils wegen, sondern aufgrund der Tatsache, dass er unversehrt am eigenen Prozess teilnehmen konnte. Hätten die Polizeibeamten am 23. Oktober 2016 nervös überreagiert und zu ihren Waffen gegriffen … Wer weiß, was dann geschehen wäre.

An jenem Tag bekamen ein Polizeikommissar und ein Polizeiobermeister per Funk die Mitteilung: „Männliche Person mit Schusswaffe in der Sternstraße Richtung Hasselbachplatz.“ Wenige Minuten später sahen sie einen Mann am „Hassel“, auf den die Personenbeschreibung passte.

Sie stiegen aus ihrem Einsatzwagen, lösten vorsichtshalber die Halterungen ihrer Dienstwaffen und gingen auf Christian L. zu, der eine grünlich-schwarze Pistole in der rechten Hand hielt. Der Polizeikommissar im Zeugenstand: „Ich habe ihn mehrfach lautstark aufgefordert, die Waffe niederzulegen. Er hat erst beim dritten Mal reagiert.“

„Cooler“ Auftritt mit Waffe

Der Auftritt des Mannes hatte unter den Passanten beinahe zu einer Massenpanik geführt. Bei der Durchsuchung sei eine Flasche Wodka gefunden worden. Die Alkoholprobe ergab 1,16 Promille. Die Waffe war eine Schreckschusspistole. Aber auch dafür braucht man einen sogenannten kleinen Waffenschein, den L. nicht hatte. Er habe es „cool gefunden“, mit einer Waffe in der Hand durch die Innenstadt zu laufen, hatte er bei der Polizei ausgesagt.

Der 31-Jährige wurde am nächsten Tag aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Der Polizeikommissar erinnerte sich vor Gericht noch genau an die „Abschiedsworte“ des schweren Alkoholikers: „Ich kaufe mir gleich ‘ne neue Pistole!“

Am 16. Januar dieses Jahres fuhren zwei Gymnasiasten mit der Straßenbahn zum Pechauer Platz. Bereits in der Linie 4 hatte L. randaliert und gegen die Tür getreten. Nachdem die heute 18-Jährigen ausgestiegen waren, folgte er ihnen und fragte nach Zigaretten.

Als sie antworteten, nicht zu rauchen, schlug der Täter einem der Schüler mit der flachen Hand an den Hinterkopf. Er forderte das Handy, das der junge Mann in der Hand hielt: „Sonst schlage ich dich zusammen!“ Dann ergriff er das Telefon und verschwand. Eine dreiviertel Stunde später wurde L. in der Cracauer Straße von einer Polizeistreife, die vom Freund des Opfers alarmiert worden war, festgenommen.

An diese beiden Straftaten könne er sich nicht erinnern, sagte der Angeklagte, der seit seinem elften Lebensjahr exzessiv trinkt – zum Schluss zwei Flaschen Wodka täglich – und mit 13 Jahren begonnen hat, Marihuana zu rauchen.

Anders dagegen sah es mit den sechs Diebstählen zwischen dem 20. Dezember 2016 und 14. Februar 2017 aus. Die gab er zu. Zwölf Flaschen Wodka, Modeschmuck und mehrfach Parfüm gingen an der Kasse vorbei. Letzteres verkaufte der Angeklagte, um seine Sucht zu finanzieren.

Attestierte Abhängigkeit

Auch den versuchten Einbruchdiebstahl in einer Gartenlaube im Dezember 2016 räumte er ein. Er hatte allerdings „nichts Brauchbares gefunden“. Um eine strafrechtliche Verantwortlichkeit zu prüfen, hatte das Schöffengericht einen Gutachter beauftragt.

Diplompsychologe Reinelt hatte mit L. im Burger Gefängnis gesprochen und attestierte ihm Alkohol- und Cannabis-abhängigkeit. Dadurch sei es zumindest bei dem Handy-Raub und der Waffen-Sache möglich, dass „die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten beeinträchtigt war“. Verstärkt worden sei dieser Eindruck durch die Schilderungen der Zeugen beim Prozess. „Eine verminderte Schuldfähigkeit in den betreffenden Fällen ist somit nicht auszuschließen.“

Der Gutachter empfahl zudem die Unterbringung in einer geschlossenen Entzugsklinik – im sogenannten Maßregelvollzug – für „mindestens eineinhalb bis zwei Jahre“. Der Angeklagte habe in den Gesprächen bereits zugestimmt, so Reinelt.

Das Gericht schloss sich letztlich der Empfehlung an. Staatsanwalt Christian Joksch hatte dasselbe Strafmaß von zwei Jahren und sieben Monaten gefordert, Strafverteidigerin Heike Rabenow lag mit ihrem Antrag fünf Monate darunter.

Staatsanwalt Joksch hatte in seinem Plädoyer besonders auf das Vorstrafenregister verwiesen. Insgesamt neun Eintragungen, darunter Raub, räuberische Erpressung, räuberischer Diebstahl und elfmal Diebstahl. „Drogen bestimmten das Leben des unverbesserlichen Intensivtäters. Dabei scheute er sich auch nicht davor, Gewalt anzuwenden“, so der Ankläger.