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Die rettende Idee

Ostern war eine Antwort auf die anhaltende Dauerkrise der Menschheit. Die aktuelle Corona-Krise zeigt, wie schwer es Menschen und Gesellschaften fällt, sich aus der Befangenheit zu lösen und ganz neu zu denken.

03.04.2021, 00:00

Fest steht, die Menschheit hatte von Anbeginn an ein Problem mit sich selbst. Da war zu viel Leid und Tod und Hoffnungslosigkeit. Vor über 2000 Jahren hat einer die Perspektive gewechselt und einen ganz neuen Lösungsweg gezeigt.

Damals wäre Corona eher eine Petitesse am Rande gewesen. Man hatte andere, größere Probleme. Der Tod war allgegenwärtig. Wer aus dem Haus ging, konnte nicht wissen, ob er zurückkehren würde. Viren und Bakterien vielerlei Art, ein Knochenbruch, ein Schnitt in den Finger, eine Verleumdung, ein kleiner Fehltritt – all das konnte mit dem Tod enden.

Die Kinder aufwachsen sehen? Goldene Hochzeit feiern? Das war die Ausnahme. Und wer die nur 25 Kilometer von Jerusalem nach Jericho reisen wollte, musste damit rechnen, von Räubern erschlagen zu werden.

Eine furchtbar brutale Gesellschaft. Und immer wieder Kriege. Juden gegen Philister, Römer gegen Juden.

Und selbst der, der verzweifelt seinen Blick zum Himmel erhob, fand dort nur das gleiche Elend. Willkürlich rächende Götter, brutale Heerführer, zynische Machtprinzipien. Die Juden wussten nur: Wer sich ein bisschen danebenbenahm, musste vierzig Jahre durch die Wüste wandern. Wer brav war, durfte die meisten Philister verstümmeln. Überhaupt keine guten Aussichten.

Und dann kam einer mit einer ganz anderen, unerhörten Strategie. Jesus brach einfach die Regeln. Empörend. Heilen ist ja noch okay (wenn auch ein neuer Ansatz), aber über die Feiertage ist das doch verboten! Sünder nicht strafen, sondern mit sich und anderen versöhnen, ist systemgefährdend! Trotzdem fand er die ersten Anhänger.

Als sie am Karfreitag erleben mussten, dass ihr Messias wie ein Schwerverbrecher abgeführt werden sollte, wollten seine Jünger das Problem freilich wieder traditionell lösen.

Petrus schaffte es immerhin, einem Schergen das Ohr abzuschlagen. Aber Jesus heilte das Ohr und machte aus dem namenlosen, brutalen Schergen den Malchus, der sicher ins Grübeln gekommen ist über den merkwürdigen, sanften Gefangenen und seine neuen Thesen.

Der sollte am Ende Recht behalten. Als der kluge, charismatische Mann am Kreuz hing, Opfer der schändlichsten Hinrichtungsform jener Zeit, hat das zunächst keiner geglaubt. Das alte Prinzip hatte sich durchgesetzt.

Dann kam aber Ostern und die Wiederauferstehung. Jesus lebt. Seine Idee, dass man den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt verlassen könnte, hat einen gewaltigen Fortschritt gebracht. Allein der Ansatz, dass im Interesse der Humanität Regeln überdacht werden könnten, war revolutionär. Der Keim der Aufklärung war in die Welt gesetzt.

Und schließlich ist für viele als Ansporn und Hoffnung ein Jenseits begründet worden, das nicht einfach das Elend der Menschheit spiegelt. Eine „disruptive Innovation“ nennt man das heute.

Wie schwer es ist, neue Antworten zu geben, zeigt uns die Corona-Krise. Das Leid ist offensichtlich. Die Anforderungen sind klar. Aber da sind die alten Regeln. Wir brauchen eine Corona-App! Aber die Schriftgelehrten aus der Datenschutz-Abteilung raten ab.

Wir müssten unsere Alten schützen! „Wir finden keine Regel in der Pflegeverordnung. Und wer zahlt diese Leistung?“, fragen die Pharisäer.

Wir müssten ganz schnell Impfstoff besorgen! „Da sind wir nicht zuständig“, sagt der Hohepriester.

Endlich impfen wir! „Stopp! Wir haben da eine kleine Unregelmäßigkeit entdeckt“, bremsen seine professionellen Bedenkenträger.

Und wie langsam sickert der neue Gedanke ein, dass dieses Virus nicht einfach weggeht. Dass er wie die Grippe zu unserem Leben gehören wird.

Dass wir auf Dauer damit zurechtkommen werden, verdanken wir nicht unseren Hohepriestern, die, so gut sie können, nach ihren Regeln das Beste anstreben. Wir verdanken es Querdenkern. Die Ungarin Katalin Karikós verfolgte als Außenseiterin schon in den 70er Jahren den Ansatz, mit synthetisch erzeugter mRNA den Körper anzuregen, Abwehrkräfte gegen Viren zu entwickeln. Weil sie daran festhielt, hat sie nie eine große Karriere gemacht. Sie wurde belächelt und mehrfach entlassen. Als ihr eine Beförderung an der Universität von Pennsylvania verwehrt wurde, nahm sie eine Stelle bei der Firma Biontech an. Ihr Impfstoff wird Corona den Schrecken nehmen. Am Ende hat sie Recht behalten.

Das glänzende Osterfest erinnert uns daran, dass da ein Mann war, der durch seinen Opfergang dafür sorgte, dass eine rettende Idee nie mehr aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwinden wird. Wir können zuversichtlich sein.

Frohe Ostern, liebe Leserinnen und Leser.