Schrebergärten

Kleingärten so beliebt wie nie

Der Ansturm auf Kleingärten ebbt nicht ab. Die Nachfrage nach Parzellen ist beinahe so groß wie zu DDR-Zeiten. Es gibt Wartezeiten von bis zu zwei Jahren. Von Bernd Kaufholz

31.03.2021, 00:00

Halberstadt

Ann-Kathrin Hapke harkt im Garten Nummer 2 des Halberstädter Vereins „Hans Neupert“ (Antifaschist und Lagerältester im Konzentrationslager Langen-stein-Zwieberge) eine kürzlich umgegrabene Fläche neben der Laube. „Nächste Woche haben wir einen Termin mit einem Dachdecker“, deutet die junge Frau auf die blaue Plastikplane, mit der das Häuschen notdürftig abgedeckt ist. „Die Parzelle stand drei Jahre leer“, sagt sie. „Und es war alles ziemlich heruntergekommen.“ Trotzdem hatten sie und ihr Mann Daniel Bräunlich sich im September 2020 auf Anhieb in die Parzelle verliebt. „Die Lage hat uns sofort gefallen. Unser zweites Kind war unterwegs und wir wollten für August und seinen Bruder Paul eine grüne Umgebung schaffen, etwas anbauen, von dem wir wissen, woher es kommt.“ Der drei Jahre alte Paul frage heute schon mit Blick auf den Garten: Wo kommt das Essen her?

Die beiden schmalen Beete zum Laubeneingang sind vorbereitet. „Da säen wir Blumen aus. Und hierher kommen Möhren und Tomaten“, umschreibt die junge Mutter einen Halbkreis über die umgegrabene Fläche links vom Häuschen. „Dahinter sollen mal Sonnenblumen blühen.“

Keine Corona-Pächter

Jochen Hupe, als Vorsitzender des Regionalverbandes der Gartenfreunde Halberstadt für 48 Vereine mit 3087 Mitgliedern zuständig, freut sich über jeden Neugärtner – besonders über junge Familien. „Innerhalb eines Jahres konnten wir 43 Mitglieder aufnehmen. Und allein im Verein ,Hans Neupert’, in dem ich Vorsitzender bin, hat es in den ersten vier Wochen 2020 rund 50 telefonische Anfragen gegeben. So viele wie sonst im ganzen Jahr. Ich musste sogar bei anderen Halberstädter Vereinen nachfragen, ob da noch Gärten frei sind.“ In den vergangenen zwölf Monaten haben sich im Verein unweit des Tierparks 25 neue Mitglieder angemeldet. „Viele kommen aufgrund der Corona-Einschränkungen“, weiß Hupe. „Viele junge Leute, aber auch ältere Menschen.“

Nach der schriftlichen Bewerbung lade er jeden potenziellen Neupächter zu einem persönlichen Gespräch ein, so Hupe. „Das ist schon wichtig, denn wir möchten ja Gartenfreunde haben, die die Parzelle für längere Zeit nutzen und pflegen.“ Corona-Gärtner, die sofort wieder abspringen, wenn die Pandemie vorüber ist, sei das Letzte, was man sich in den Verein holen wolle.

Wichtig sei auch die Antwort auf die Frage, ob der Antragsteller schon zuvor einen Garten bewirtschaftet habe. „Wir wollen so vorbeugen, dass wir es mit einem ,Garten-Hüpfer’ zu tun haben, der irgendwann alles stehen und liegen lässt und verschwindet, ohne die Pacht zu bezahlen.“

Deshalb sei jeder Vertrag vorerst auf ein Jahr befristet. „Klappt es mit der Pacht, den Rechnungen für Wasser sowie Strom und wird die Eindrittelregelung für die rund 300 Quadratmeter große Parzelle (Anbaufläche, Rasen, Lauben-grundstück) eingehalten, ist alles in Sack und Tüten.“

Die meisten Pächter suchten einen Garten, der verkehrstechnisch gut angebunden ist. „Randlagen sind weniger gefragt. Daraus ergibt sich, dass im Bereich des Regionalverbands noch 581 Gärten leer stehen.“

Olaf Weber vom Präsidium des Landesverbands der Gartenfreunde sieht mit Blick auf Sachsen-Anhalt, dass der Abwärtstrend bei der Garten-Nachfrage gestoppt ist – besonders mit Blick auf junge Familien. „In Gärten kann man den Kindern die Natur nahe bringen und einen Teil des immer teurer werdenden Urlaubs verbringen.“ Den größten Ansturm auf Gärten gebe es in städtischen Bereichen.

Dass es immer noch Kommunen gebe, die Kleingärten an Ortsränder verlagern oder völlig beseitigen, könne er vor dem Hintergrund der Entwicklung nicht verstehen, so Weber. „Den Menschen sollten auch künftig ausreichend Kleingartenflächen angeboten werden können.“

Ein paar Gartenwege von den Neupächtern Ann-Kathrin und Daniel entfernt haben Anita Schlieder und Frank Schulze in der Nummer 106 ihr Fleckchen Grün. Das Paar gehört zu den „Alteingesessenen“ mit 20 beziehungsweise zwölf Jahren Gartenerfahrung. „Das Vogelzwitschern, die Sonne, die bunten Blumen, Obst und Gemüse – gibt es etwas Schöneres?“, schwärmt Anita Schlieder auf der Gartenbank vor der Laube. „Früher haben wir hier am Wochenende übernachten“, sagt Frank Schulze. „Doch mit dem Alter fährt man lieber abends zurück nach Hause.“

Drei, vier Jahre habe es gedauert, bis die Parzelle so ausgesehen hat wie jetzt. Vor 20 Jahren habe sie den Vertrag gemacht und als Abstandszahlung 2500 Euro zahlen müssen, blickt die Rentnerin zurück. „Nicht wenig Geld.“

Der Garten werde zu jeder Jahreszeit genutzt. „Im Winter machen wir Spaziergänge hierher“, so Schulze. „Da schauen wir nach dem Rechten und gucken, ob es den Goldfischen im kleinen Teich, der im ganzen Jahr offen ist, gut geht.“

Das Osterfest kann kommen. Das Gröbste ist getan, nun kommt der „Feinschliff. Zwiebeln sind gesteckt, Bohnen, die zwei Erdbeerbeete gesäubert, Kartoffeln und Tomaten sind als Nächstes dran“, freut sich die Rosenliebhaberin. Auch auf das Kaffeetrinken zu Ostern, fügt ihr Partner an. „Und Sonnabend oder Montag, wie das Wetter mitspielt, werden wir angrillen“, sagt er über den kleinen Osterstrauch mit den bunten Eiern hinweg.

Die Krokusse haben fast schon ihre Frühlingsschuldigkeit getan, einige Hyazinthen wagen schon den Blick nach draußen.

„Der Zusammenhalt, das Gemeinschaftsgefühl über den Gartenzaun hinweg macht zusätzlich Spaß“, so die Gartenpächterin. Und die „Alten“ seien jederzeit bereit, den „Neuen“ mit Ratschlägen zur Seite zu stehen. Berührungsängste gebe es nicht. Lediglich eine Sache ärgere sie. „Ein Garten dient der Erholung. Und das bedeutet auch gegenseitige Rücksichtnahme. Und die schreibt nun mal vor, dass zwischen 13 und 15 Uhr Mittagsruhe herrscht. Darauf sollten die jungen Familien achten.“