Männerhaushalt

Papi und Papa und Luke

Dass es ganz selbstverständlich sein kann, als schwules Ehepaar ein Kind zu adoptieren, beweist ein Männerhaushalt aus Magdeburg.

Von Konstantin Kraft

Magdeburg

Robert und Steven Wentzlau aus Magdeburg sind schon ihr halbes Leben lang zusammen. Und das, obwohl sie gerade erst Ende 20 sind. Für beide war es die erste große Liebe, die bis heute anhält. Die zweite große Liebe ist Sohnemann Luke. Seit zweieinhalb Jahren macht er ihr kleines Familienidyll komplett.

Aus jungen Männern werden Väter

Es war 2007, als sich Robert und Steven in der Schule kennengelernt haben. Über eine gemeinsame Freundin. Damals waren sie 14. „Ich wusste relativ früh, was ich wollte“, sagt Steven. Sieben Jahre später ist er mit Robert verheiratet. Zunächst noch in einer eingetragenen Partnerschaft, später als Ehe. Beim ersten Ja-Wort sind die Verliebten Anfang 20 und haben das Gefühl, das noch etwas fehlt. „Wir wollen ein Kind adoptieren“, sagt Robert. „Wir haben uns deshalb mit 21 das erste Mal auf den Weg zum Jugendamt gemacht.“ Dort sei ihnen erklärt worden, dass sie frühestens mit 25 ein Kind adoptieren dürften.

Die zweite Bedingung, verheiratet zu sein, hatten sie schon erfüllt. „Wir sind Familienmenschen“, antworten die Eheleute auf die Frage, warum der Wunsch nach einem Kind so früh so groß war. 2018 klappte es dann. Der sechs Tage alte Luke kam in ihr Leben und stellte es von heute auf morgen auf den Kopf. Aus jungen Männern waren plötzlich Väter geworden. Windeln wechseln gehörte jetzt zum Alltag. Mit Mitte 20 sind sie das jüngste gleichgeschlechtliche Ehepaar mit einem Adoptivkind in Magdeburg.

Adoption klappt erst im zweiten Anlauf

Aber kein Glück ohne Drama: Die Adoption klappte erst im zweiten Anlauf. „Wir hatten vier Monate vor Luke schon einmal für drei Tage ein Kind“, erzählt Robert. Die Mutter habe sich dann aber kurzfristig entschieden, dass sie ihren Jungen behalten wolle. Das junge Familienglück wurde wieder getrennt. „Wir waren danach zwei Wochen nicht ansprechbar“, erinnert sich Steven. Die Väter haben nicht damit gerechnet, dass die Beziehung zu dem Kleinkind nach kurzer Zeit schon so intensiv wäre und der Abschied so hart.

Noch heute fällt es ihnen schwer, darüber zu sprechen. Das Glück bei dem Drama: Wenn das nicht passiert wäre, hätte auch Luke nicht in ihr Leben kommen können. „Die Angst, ihn wieder zu verlieren, war riesig.“ Der kleine Mann ist inzwischen seit mehr als zwei Jahren bei seinen Papas.

Gemeinsames Haus gekauft

Die Familie wohnt in ihrem eigenen Haus. Robert und Steven haben sich das Eigenheim gemeinsam gekauft und aufwendig umgebaut. Die Nachbarn hatten ihnen das erst nicht zugetraut. Jetzt soll sogar noch ein neuer Anbau her. Beide sind selbstständig. Lieben, leben und arbeiten unter einem Dach. Steven Wentzlau ist als Vertriebsdienstleister für Vodafone tätig. Robert verkauft spezielle Luftreiniger. „Hyla“ heißen die.

Sie sollen die Luft auch vor Viren säubern. Das Geschäft boomt, meint Robert. Er sei aktuell der größte Handelspartner in Ostdeutschland. Bis zum Ende des Jahres möchte er die Zahl der Personen, die mit ihm die Reiniger vertreiben, verdoppeln. Von 35 auf 70. Für die Zukunft sieht er noch erhebliche Wachstumspotenziale. Robert und Steven Wentzlau arbeiten hart, sie sind quasi rund um die Uhr erreichbar. Auch, weil sie ihrem Sohn das bestmögliche Leben bieten wollen. Sie selber kommen aus zerrütteten Familien. Ihre Eltern haben sich scheiden lassen und leben getrennt. Das soll ihrer Kleinfamilie nicht widerfahren.

Erziehung zur Offenheit

„Wir erziehen Luke sehr offen.“ Sicher wird er irgendwann Fragen stellen, etwa, wo seine Mutter sei. Wie genau sie darauf reagieren sollen, haben die Väter noch nicht abschließend geklärt. Vielleicht: Dass seine Mutter ihn weggegeben habe, um ihm dadurch ein besseres Leben zu ermöglichen. „Wer kann schon behaupten, dass er zwei erfolgreiche Unternehmer-Eltern hat.“

Robert und Steven Wentzlau verstecken ihren Männerhaushalt nicht. Beide teilen zahlreichen Erlebnisse mit Sohn Luke auf ihrem persönlichen Instagram-Kanal. „Papi & Papa von Luke“ steht bei Steven. Der persönliche Blog von Robert beginnt mit: „Papa & Gay & Unternehmer“. Dazu die Einladung, das Abenteuer der Regenbogenfamilie zu begleiten. Zusammen haben beide gerade rund 3700 Abonnenten. Dadurch werden auch Medien auf sie aufmerksam. Unlängst hatte sich eine Produktionsfirma gemeldet, die für die Vox-Serie „Mein Kind, dein Kind – Wie erziehst du denn?“ dreht. Familie Wentzlau sagte zu. Im Februar besuchte sie ein Kamerateam in ihrem Zuhause, um den Alltag der drei Männer für zwei Tage zu verfolgen. Das Ausstrahlungsdatum stehe aktuell noch nicht fest, heißt es von der Mediengruppe RTL.

Typischen Alltag gibt es nicht

Im Alltag erlebte der Männerhaushalt kaum negativen Erfahrungen. Klar, Blicke gebe es schon. Aber die seien zumeist positiv bestärkend. Ins Auge stechen die Eheleute auch ohne Luke. Sie teilen eine Leidenschaft für ausgefallene Tattoos. Alltag? Was heißt das eigentlich bei Familie Wentzlau? „Einen typischen Alltag gibt es bei uns nicht“, sagt Robert Wentzlau.

Am Morgen bringt einer der Väter den Sohnemann zum Kindergarten. Sofern die Einrichtung wegen Corona nicht geschlossen ist, wie jetzt gerade wieder. Tagsüber kümmern sich Robert und Steven dann abwechselnd um Luke. Währenddessen kann der andere arbeiten. Hilfreich sind die langen Schlafenszeiten des Zweijährigen. Gegen Mittag versinkt Luke für zwei Stunden und mehr in seine Traumwelt. Wenn der junge Mann wach ist, ist er dagegen emsig dabei, die Welt zu erkunden. Immer freundlich und aufgeweckt. „Er ist halt neugierig, weil er ein Frühchen war“, so die Väter.

Luke ruft 'Papi' und 'Papa'

„Ich würde nicht sagen, dass wir strenge Eltern sind, aber konsequent“, sagt Robert Wentzlau. Vor allem wollen sie ihren kleinen Sohnemann zu Selbstbewusstsein, Toleranz und Offenheit erziehen. „Unsere Mission ist es, den Leuten zu zeigen, dass es ganz normal ist, in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung mit einem adoptierten Kind zu leben“, meint der 29-Jährige.

Luke spricht inzwischen. Robert nennt er seinen „Papa“ und Steven seinen „Papi“, erzählen die Väter. „Er ruft ganz gezielt nach Papi oder Papa.“ Das reicht dem kleinen Strahlemann zum Glück.