Das Tempolimit von 10 km/h auf der Berliner Chaussee erregt Gemüter / Wolfgang Bahls: "Kontrollen reine Abzocke"

"Strafarbeit" auf B 1: Taxi-Fahrer fordern Tempo 20

Von Karl-Heinz Kaiser 02.08.2011, 04:34

Berliner Chaussee. Bei Magdeburgs Taxi-Fahrern liegen die Nerven blank. Grund sind die Tempobeschränkungen auf der Berliner Chaussee / Richtung Heyrothsberge. Dort sind auf einer Straßenneubaustrecke lediglich 10 Stundenkilometer erlaubt.

Wolfgang Bahls, 1. Vorsitzender der Taxi Mietwagengenossenschaft Magdeburg eG, kommentiert verärgert: Die Verantwortlichen für die Entscheidung hätten offenbar noch nie ein Fahrzeug bewegt, erklärte er in Hinblick auf den für ihn nicht nachvollziehbaren Zustand auf einem 650 Meter langen Abschnitt der B 1.

Es gehe einfach nicht, 10 Stundenkilometer auf dieser Distanz zu halten, erklärte der Praktiker mit 36-jähriger Erfahrung. Von Spöttern bereits als langsamste Bundesstraße im Land Sachsen-Anhalt gegeißelt, setzt Bahls noch einen drauf: So etwas wie auf der Berliner Chaussee gebe es in ganz Deutschland nicht. Er fordert jetzt öffentlich in Namen der Genossenschaft zeitnah eine Veränderung. Unverzüglich sollte die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 20 Kilometer pro Stunde heraufgesetzt werden, sagt er. Alles andere sei Unsinn, weil sich ohnehin niemand daran hält beziehungsweise daran halten könne.

Die Genossenschaft übrigens ist federführend in ihrem Gewerbe in der Landeshauptstadt. Sie betreibt 150 der derzeit insgesamt 175 zugelassenen Taxis.

Nicht nur die mit der Langsamfahrstrecke verbundenen Staus bringen den 1. Vorsitzenden der Taxi-Genossenschaft in Rage. Am 20. Juli habe die Polizei eine große Geschwindigkeitskontrolle gestartet. 72-mal wurden im Ergebnis Bußgelder erhoben. Für Bahls ist das "reine Abzocke".

Jürgen Dierich, früherer langjähriger Obermeister der Kfz-Innung, pflichtet ihm zumindest teilweise bei. Wenn leistungsstarke Diesel-Automatik-Fahrzeuge über eine längere Strecke Tempo 10 "tuckeln" müssten, sei das eine regelrechte Strafarbeit. Die erreichten ja schon mit Standgas um die 15 km/h und mehr. Der Tacho reagiert bei manchen Autos erst bei 20 km/h, weiß Dierich. Von den Tempomaten ganz zu schweigen.

Die Stadt hätte besser daran getan, Tempo 20 einzurichten, meint er. In der Verwaltung beharrt man auf die Anordnung. Das habe mit dem Zustand des zur Fahrbahn umfunktionierten Fußweges zu tun, sei eine Frage der Sicherheit, sagt OB-Pressesprecherin Cornelia Poenicke. Brummis würden den Unterbau zunehmend zerrütten.

Die Polizei hatte am 20. Juli eine Großkontrolle durchgeführt. Die Messgeräte waren übrigens so eingestellt, dass sie nur bei bußgeldrelevantem Tempo, hier also ab 31 km/h, angesprochen haben. 67 lagen mehr oder weniger darüber, 5 erheblich, sagte gestern ein Polizeisprecher. Einer davon wurde mit absolut unverantwortlichen 54 Stundenkilometern erwischt.

Notorischen Limit-Ignoranten einen Riegel vorzuschieben ist also durchaus die gute Seite der Kontrollen. Allerdings: Verkehrsexperten sind der Meinung, dass eine solide Vorbereitung der Ausweichstrecke die 10-km/h-Schilder hätten vermeidbar gemacht. Das hätte mehr finanziellen Aufwand erfordert, aber allen durchaus Ärger und Zeit erspart. Findige Zeitgenossen hatten ausgerechnet, dass Autofahrer bei täglicher Fahrt bis Dezember (Ende der Sperrung) einen ganzen Arbeitstag vertrödeln.

Jetzt kommt ein neuer Vorschlag: Nur für die besonders schädigenden Brummis 10 km/h, für alle anderen aber Tempo 20.