Barby l „Da kommt sie, da kommt sie“, lugt ein Sechsjähriger Knirps um die Ecke. Er ist so aufgeregt, als würde Pippi Langstrumpf persönlich daher kommen.

Kinder, Erzieher und Gratulanten haben sich zum Spalier aufgestellt. Jeder Knirps hat eine Blume in der Hand. Die Uhrenglocke des Marienkirchturms hat zehn Mal geschlagen. Plötzlich kommt ein Tandem um die Ecke. Darauf sitzen Annegret Sternke (62) und Iris Jacob (63). Annegret, Freundin aus alten Tagen, Kollegin und Vertraute der Leiterin, hat diese von zu Hause abgeholt. Das Vehikel soll nicht nur originelle Fortbewegungsmöglichkeit, sondern auch Symbol sein. Denn die Beiden sind, waren, ein Gespann. Iris ist die Emotionale, Annegret die Sachliche. Konstellationen wie diese funktionierten schon bei John Lennon und Paul Mc. Cartney.

Applaus von den Kindern

Als das Tandem den Garten der schön sanierten Kindertagesstätte befährt, applaudieren die Spaliersteher. Es ist ein Moment, der ans Herz greift. Iris hat einen Kloß im Hals. Man sieht ihr die Rührung an. Das überträgt sich auch auf einige Zuschauer. Jedenfalls auf die älteren.

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Iris hat heute ihren letzten Tag und wird gefeiert. Die Kinder drücken ihr Blumen in die Hand und sie selbst. Es entsteht um Iris eine regelrechte Drück-Traube. Da helfen auch keine Abstandsregeln wegen Corona. Die Emotionen müssen raus!

Erzieherin Sieglinde Schütze hat die Gitarre genommen und spielt das „Spatzenlied“. Sie sagt, dass das Lied zu jeder Feier gesungen werde, so etwas wie die Hymne der Barbyer Kita ist, die seit Generationen in der Schulstraße steht. Der Arzt Dr. Franz Klefecker ließ die Historismusvilla Mitte des 19. Jahrhunderts errichten. Der sechsjährige Noah hat einen Tanz choreografiert, den sein Trupp vorführt. Ganz ohne Einfluss der Erzieher, betont Annegret. Was Programm in der Kita ist: Der Nachwuchs soll seine Talente ausprobieren. Auch die Golden Maries der Heimatfreunde geben sich tanztechnisch die Ehre.

Iris Jacob ist die gute Seele

Iris Jacob wird geliebt, ist eine gute Seele, ohne „tantenhaft“ zu sein. Vor 13 Jahren bekam sie bei einer Ausschreibung den Job der Leiterin, ohne damals so recht vom Erfolg ihrer Bewerbung überzeugt gewesen zu sein. Denn sie arbeitete „weit weg“ in Glindenberg, band sich täglich viel Fahrzeit ans Bein. Ihre Familie drängte sie: Bewirb dich, um wieder in der Nähe zu arbeiten. Zu jener Zeit befand sich die Kita noch in Trägerschaft der Stadt Barby. Es waren so viele Bewerber. Die damals 50-Jährige zweifelte: Hast du eine Chance???

Iris hatte.

Ihre Karriere begann als Grundschullehrerin, dann war sie Pionierleiterin an der POS Friedrich Engels. Weil sie nicht in die Partei eintreten wollte, wurde sie zur Hortnerin „degradiert“. Ein Pionierleiter nicht in der SED? Das ging gar nicht.

Iris Jacob löste 2007 Kita-Leiterin Lydia Stark ab. Nun wird Annegret Sternke kommissarische Leiterin der 120-köpfigen Einrichtung „Elbespatzen“.