Halle (dpa) l Strahlendes Licht, obwohl es mitten in der Nacht ist: 1300 LEDs beleuchten den Rangierbahnhof in Halle, die modernste Zugbildungsanlage Europas, wie Stefan Winkler, Standortleiter Halle der DB Cargo sagt. Die Bahntochter ist für Güterverkehr zuständig. „Wie von Geisterhand“ – so beschreibt es Winkler – rollen die einzelnen Waggons am Stellwerk vorbei auf ihre Richtungsgleise. Er hat Lokschlosser gelernt, ist seit 1985 bei der Eisenbahn, jetzt für rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuständig.

Begeistert erzählt der 51-Jährige, wie zuvor von Menschen getrennte Waggons „vollautomatisch“ mit einer Lok über den „Ablaufberg“ geschoben, auf das richtige Richtungsgleis rollt, durch „Gleisbremsen“ automatisch verlangsamt und dann zu neuen Zügen zusammengestellt werden. Metall schlägt auf Metall, ein eiserner Hufschlag schallt zwischen rostbraunen Güterwaggons umher, Bremsen quietschen. Bis zu 50 in der Regel 600 Meter lange Züge fahren am Tag in die Zugbildungsanlage Halle und verlassen sie wieder. Der Großteil davon, wenn andere frei haben. „Die Musik spielt hier nachts“, sagt Winkler.

„Wir sind überzeugt davon, dass wir in Zukunft noch mehr Verkehr auf die Schiene bringen und die Straßen entlasten“, prognostiziert Winkler. Durch Corona habe es nur einen leichten Knick gegeben. Die Anzahl der bearbeiteten Züge im Rangierbahnhof Halle befindet sich deutlich über Vorjahresniveau. Nur in einer Woche des Jahres sei das nicht der Fall gewesen.

Auch wenn die Pandemie dazu beigetragen hat, die Umweltbelastungen durch den Güterverkehr zu reduzieren, bleibt die Frage, wie eine nachhaltige globalisierte Weltwirtschaft möglich ist, bestehen. Das Umweltbundesamt schrieb noch vor knapp einem Jahr von „beträchtlichen Umweltbelastungen“ durch den Güterverkehr. Bahn- und Binnenschifffahrt sind laut der Behörde umweltverträglicher als der Straßenverkehr.

Winkler betont: Für mehr Warenverkehr auf der Schiene brauche es auch eine bessere Infrastruktur. Sprich: Beispielsweise mehr Güterverkehrsstellen und Überholgleise. Gleichzeitig bemängeln Interessensverbände wie Allianz pro Schiene immer wieder, dass zu wenig in den Schienenausbau investiert werde. Gleichzeitig wurde im Mai bekannt, dass in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich mehr neue Autobahnen oder Bundesstraßen gebaut oder erweitert worden waren als Bahnstrecken.

Laut vorläufigen Zahlen der Länderverwaltungen kamen in Deutschland 61 Kilometer Autobahnen neu hinzu und 38 Kilometer wurden ausgebaut. Bei Bundesstraßen waren es beim Neubau 122 Kilometer, bei Erweiterungen 12 Kilometer. Bei der Bahn kamen im Zuge von Ausbauten sechs Kilometer dazu. Die Regierung betont: 2019 seien keine Schienenwege oder Gleisanschlüsse der Eisenbahnen des Bundes stillgelegt worden. Das ist insofern eine Nachricht, als dass in den vergangenen Jahrzehnten das Schienennetz um Tausende Kilometer zurückgebaut worden war. Erst in den vergangenen Jahren wurde dieser Trend gestoppt.

Tor nach Tschechien

Seit 1889 gibt es den Rangierbahnhof in Halle. Erst vor gut zwei Jahren wurde er nach einer viereinhalb Jahre langen Modernisierung wieder in Betrieb genommen. 40 Kilometer Gleise und 135 Weichen wurden verlegt. Nach der Wende war der Eisenbahngüterverkehr „rapide“ abgesackt, wie ein Bahnsprecher sagt. So ist die Menge an Gütern im Eisenbahnverkehr – gemessen am Gewicht - laut Statistischem Bundesamt in ganz Deutschland zwischen 1991 und 1993 um gut 20 Prozent zurückgegangen.

Dabei steht beispielsweise laut Umweltbundesamt fest: Die Bahn ist nicht nur bei Treibhausgasen sondern auch anderen Emissionen wie Stickoxiden deutlich unschädlicher als Lkw und Binnenschifffahrt. Verhältnismäßig umweltfreundlich werden also von Halle aus international Waren verschickt. Die Saalestadt gilt etwa als Tor nach Tschechien, es werden eigenen Angaben zufolge mehr Mitarbeiter eingestellt, als aus dem Betrieb – etwa aus Altersgründen – ausscheiden. „Wir sind auf Wachstumskurs und haben Luft nach oben“, sagt Winkler.

Man sei auf mehr Schienengüterverkehr vorbereitet, sehe die Chancen. Nicht nur der Umweltaspekt, sondern auch Corona sei für den Standort Halle kein Problem. So arbeiteten Lokführer räumlich allein, beim Entkoppeln der Waren sei viel Abstand möglich, generell gebe es überwiegend Alleinarbeitsplätze. „Die Rahmenbedingungen waren noch nie so günstig“, sagt Winkler.