Berlin (dpa) - Keine Urlaubsreise, kein Kneipenabend, kein Restaurantbesuch - die neuen Regeln zur Eindämmung des Coronavirus lähmen das öffentliche Leben.

Das macht vor allem den Unternehmen und Mitarbeitern der Gastronomie zu schaffen. Wie kann eine Branche, die so aufs Zusammensein angewiesen ist, derzeit überleben?

RESTAURANTS

Für Restaurants bleibt inzwischen nur noch das Außer-Haus-Geschäft: Am Sonntag haben Bund und Länder beschlossen, dass Restaurants und Cafés bundesweit ganztägig schließen müssen. Viele Betriebe halten einen Teil des Kerngeschäfts aufrecht, indem sie Gerichte nach Hause liefern oder auf Bestellung abholen lassen.

Die Folgen der Schließungen seien "verheerend", warnt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Existenzen seien mehr als akut gefährdet, Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel. Die Politik müsse nun schnell, umfassend und zielgerichtet helfen.

Die Betriebe seien zurückgeworfen auf das reine Außer-Haus-Geschäft, sagt auch der niedersächsische Dehoga-Chef Rainer Balke. "Das kann aber natürlich in der Regel nicht in größerem Umfang Ersatz leisten." Für viele Betriebe sei es schon schwierig gewesen, zuletzt nur noch von 6.00 bis 18.00 Uhr öffnen zu dürfen.

Deshalb müssen nach Ansicht der Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges schnell und unbürokratisch Hilfen fließen. "Selbst gut aufgestellte Firmen sagen, dass sie das vielleicht zwei Monate durchhalten, länger nicht", sagte sie der dpa. Die meisten Betriebe hätten so gut wie keine Reserven.

Das Bundeskabinett hat am Montag umfassende Gesetzespakete auf den Weg gebracht, um die wirtschaftlichen Folgen der Krise abzufedern. So soll es direkte Zuschüsse für kleine Firmen geben. "Zwei Drittel der Betriebe in unserer Branche haben weniger als 10 Beschäftigte. Es muss zu so wenig Bürokratie kommen wie möglich", sagte Hartges.

HOTELS

Selbst einige Hotels richten sich in der Krise an die, die eigentlich daheim bleiben müssen. "Wenn es Ihnen zu Hause zu eng wird" - so warb etwa am Wochenende ein Hotel in Bayern um Menschen, die im Home Office arbeiten müssen und zu Hause nicht die nötige Ruhe oder den Platz finden. Auch andernorts boten Hotels Zimmer für die Arbeit im Home Office an. Denn Hotels dürfen nur noch für notwendige Übernachtungen öffnen, nicht mehr für touristische.

Dirk Iserlohe, Eigentümer der Hotelgruppe Dorint, schrieb einen offenen Brief an unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel, der dpa vorliegt. Darin warnt er, die aktuelle Krise stehe für die Hotellerie in keinem Vergleich zu vorigen Krisen, etwa dem 11. September 2001, der Sars-Epidemie 2002/2003 oder der Finanzkrise 2008. Anhand seiner Hotelgruppe rechnet er vor: "Damals lag der negative Einfluss auf die Hotel-Industrie in einem Belegungsrückgang von circa 25 Prozent bezogen auf die jeweils relevante Periode. Heute liegt die negative Wirkung bei fast 100 Prozent des geplanten Umsatzvolumens."

In dem Brief kritisiert Iserlohe die Hilfsmaßnahmen von Bund und Ländern als nicht weitgehend genug. Teil des jüngsten Hilfspakets ist ein Kündigungsausschluss für Gewerbemieter. Vermieter sollen ihnen nicht mehr kündigen dürfen, wenn sie wegen der Corona-Krise ihre Miete nicht zahlen können. Der bloße "Kündigungsausschluss wird zu einer Insolvenzwelle der Hoteliers und Gastronomen führen", fürchtet Iserlohe. Mieter und Vermieter sollten sich aus seiner Sicht vielmehr den Pachtzins teilen.

In einer gemeinsamen Initiative setzen sich Unternehmerverbände und die Immobilienwirtschaft für einen fairen Ausgleich bei den Gewerbemieten ein. Mieter und Vermieter sollten an einen Tisch gebracht werden, um "über eine befristete Anpassung der Mietverträge zu sprechen", heißt es in einem gemeinsamen Appell der beteiligten Dachorganisationen, wie dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag und dem Zentralen Immobilienausschuss. Der Dialog solle Lösungen zum dauerhaften Erhalt der Mietverhältnisse bringen.

Auch muss laut Iserlohe das Insolvenzrecht noch stärker gelockert werden als nun vom Kabinett beschlossen. Denn gerade in der Hotellerie ist aus seiner Sicht die Krise nicht im Herbst vorüber. "Bis die Menschen wieder tagen, reisen, Messen besuchen oder touristische Aufenthalte planen, wird eine lange Zeit vergehen. Das Jahr 2020 kann für die Touristik-Industrie nur als massives Verlustjahr verbucht werden."

BARS

Bars und Kneipen sind zum Teil bereits länger geschlossen als Restaurants. Selbst für sie sei das Außer-Haus-Geschäft die Maßnahme der Stunde, sagt Nils Wrage, Chefredakteur des Fachmagazins "Mixology". Es gebe keine Möglichkeit mehr, die Bar als Raum zu betreiben. Deshalb verschicken oder bringen einige Betreiber fertig gemixte Cocktails in Flaschen und Tüten zum Gast nach Hause. "Aber das ist nur ein kleines Kompensationsgeschäft." Häufig deckten die Einnahmen daraus nicht einmal die Fixkosten.

Dazu kämen rechtliche Einschränkungen: Wer liefere, müsse besondere lebensmittelrechtliche Auflagen erfüllen. Und wer eine Betriebsschließungsversicherung in Anspruch nehme, dürfe keinen Umsatz erwirtschaften.

Für die festen Ausgaben seien bei den Bars die Miet- und Pachtkosten entscheidend. Und die sind gerade in den Metropolen hoch: "Vor allem die jüngeren Bars haben die taufrischen hohen Mieten. Die kleinen, jungen Betriebe wird es jetzt sehr schnell treffen." In der Branche sprächen viele eher von Wochen als von Monaten, bis sie Insolvenz anmelden müssten.

Dehoga zur Corona-Krise