Berlin (dpa) - In vielen deutschen Städten und Gemeinden fällt die jährliche Fahrpreiserhöhung für Busse und Bahnen zum Jahreswechsel aus.

Gleich drei große Verkehrsverbünde gönnen ihren Fahrgästen eine Nullrunde, wie eine Auswertung der Deutschen Presse-Agentur ergab. In Berlin, Brandenburg sowie in den Großräumen Stuttgart und München bleiben die Ticketpreise wie sie sind. Diskussionen über Jahreskarten für 365 Euro und andere günstige Angebote deuten auf eine politischen Stimmungswandel hin. Fahrgastvertreter sind jedoch skeptisch.

Immer mehr Menschen nutzen in Deutschland Busse und Bahnen, mit über 5,8 Milliarden Fahrten von Januar bis Juni registrierte das Statistische Bundesamt einen Rekord. Hintergrund sind steigende Einwohnerzahlen in den Städten und die hohe Erwerbstätigkeit.

Im Berufsverkehr sind U-Bahnen, Trams und Busse mancherorts schon überfüllt. Günstige Preise sollen noch mehr Fahrgäste locken. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) strebt an, im Nahverkehr in zwölf Jahren 30 Prozent mehr Kunden zu befördern.

Erst in dieser Woche verkündete der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, die Tarife nicht zu erhöhen - zum zweiten Mal in Folge. Der rot-rot-grüne Berliner Senat hatte sich in den Koalitionsvertrag geschrieben, die Preise einzufrieren, bis der Tarif grundlegend überarbeitet ist. Langfristig soll Bus- und Bahnfahren in der Region eher günstiger als teurer werden. Das Schülerticket wurde im Sommer schon billiger, Kinder aus ärmeren Familien fahren umsonst.

Auch München und die umliegenden Landkreise gewähren ihren Kunden eine Nullrunde, bis eine umkämpfte Tarifreform durch ist. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wirbt im Wahlkampf schon dafür, in München, Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Würzburg eines Tages Jahreskarten für günstige 365 Euro anzubieten.

Für Schüler in Hessen gibt es das schon. Sie fahren seit letztem Jahr für umgerechnet einen Euro pro Tag; das Schülerticket ist ein Verkaufsschlager. Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) denkt über ein ähnliches Angebot auch für Senioren nach.

"Einfach, günstig und umweltfreundlich", so bewirbt Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die Tarif-Nullrunde 2019 für Stuttgart und Umgebung. Er will, dass mehr Leute das Auto stehen lassen. Vor allem für Pendler sinken sogar Tarife. Die Einnahmeeinbußen von 42 Millionen Euro im Jahr übernimmt die öffentliche Hand.

Der Fahrgastverband Pro Bahn ist skeptisch, ob die Tarif-Wohltaten überall gut gegenfinanziert sind. "Über einen günstigen öffentlichen Verkehr nachzudenken, ist wichtig", sagte der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann. "Aber man muss es auch langfristig solide finanzieren." Nichts gewonnen wäre, sparten die Unternehmen im Gegenzug an Wartung, Fahrzeugen oder Fahrplänen. "Nur über den Preis gewinnen sie die Leute nicht", warnte Naumann. "An erster Stelle stehen der Ausbau des Angebots und die Qualität."

So heißt es auch beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg:  "Zusätzliche Investitionen in neue Fahrzeuge und die Infrastruktur sind dringend nötig." Schon jetzt wird nach Branchenangaben bundesweit jede Fahrt zu einem Viertel aus Steuergeld subventioniert. Es fehle Geld, um die steigenden Fahrgastzahlen zu bewältigen, klagt der VDV. Er fordert Investitionen von 20 Milliarden Euro von Bund und Ländern in den nächsten zehn Jahren. Soweit ist es aber noch nicht.

Mehrere große Verbünde erhöhen deshalb auch in diesem Jahr am Neujahrstag wie gewohnt die Preise. "Für uns gilt weiterhin der politische Auftrag der Kreise und Städte, die Nutzerfinanzierung des öffentlichen Verkehrs zu stärken und so die öffentlichen Haushalt zu entlasten", begründet etwa der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr den Preisaufschlag von durchschnittlich 1,9 Prozent im Raum Düsseldorf und dem Ruhrgebiet.

Der Rhein-Main-Verkehrsverbund erhöht um 1,5 Prozent. Für Fahrgäste in und um Hamburg wird es durchschnittlich 2,1 Prozent teurer. Und in Köln, Bonn und Umgebung verlangt der Verkehrsverbund Rhein-Sieg im Schnitt sogar 3,5 Prozent mehr. Das sei unumgänglich. Treibstoff, Material und vor allem Personal würden teurer, hieß es.

Fahrten über Verbundgrenzen hinweg werden bundesweit 1,5 Prozent teuer, was etwa jeden fünften Nahverkehrskunden betrifft, wie der Tarifverband TBNE mitteilte. Noch nicht über seine Tariferhöhung entschieden hat der Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen.