Stendal l Es war kurz vor 18 Uhr, als Jury-Mitglied Katrin Kunert im großen Saal des Theaters das Mikrofon in die Hand nahm. Die Siegerehrung des Reflect-Wettbewerbes steuerte auf ihren Höhepunkt zu. Zuvor hatte Jurorin Kristina Grahn bereits den zweiten Preis an Steffen Klein verliehen, der ein weiteres Mal mit einem Stück in Gebärdensprache begeisterte, diesmal die Welt rettete. Den ersten Preis hatte Ralf Hattermann von der FH an Hovhannes Martirosyan aus Magdeburg verliehen, der sich Gedanken über die „Zukunft in unseren Händen“ gemacht hatte.

Idee zur Melodie kam unter der Dusche

Damit wäre die Siegerehrung erledigt gewesen. Wenn es nicht noch einen dritten Preis zu verleihen gegolten hätte. Einen, der aber keinen dritten Platz bedeutete, sondern einen weiteren Sieger auszeichnete. „Kannst du schon lesen“, fragte Kunert einen Jungen aus dem Projekt von Pestalozzi-Schule und Streetwork. Er nickte und las: „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Schier ohrenbetäubender Jubel erfüllte den Theatersaal. Eben das war der Titel des Projekts der Stendaler Schule und der Streetworker, bei dem sie Unterstützung von Schülern des Winckelmann-Gymnasiums und der Komarow-Sekundarschule bekamen, die zusammen als AG Wertvoll firmieren.

Unter dem Titel haben sie einen Rap zur Melodie von Oliver Murawski geschrieben. „Die ist mir unter der Dusche eingefallen“, erzählte er gestern schmunzelnd. „In dem Text stecken Wünsche, Träume und auch Ängste der Kinder“, erklärte Streetworkerin Kathrin Musold. Schulsozialarbeiterin Johanna Weniger war auch in das Projekt involviert, nannte Beispiele: Freundschaft, Liebe, Trennung. Da ging es beispielsweise um den Vater, der nun bei einer anderen Familie lebt, oder die Freunde, die in eine andere Stadt gezogen sind.

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Und das beeindruckte nicht nur die vierköpfige Jury, zu der auch Nicola Wolf-Kühn von der Hochschule gehörte, sondern auch das Publikum. Per Applausometer war im Schnelldurchlauf die Beliebtheit der einzelnen Beiträge gemessen worden. Und dabei lagen die Stendaler ganz klar vorne.

Ähnlichkeiten mit Interkultureller Woche

Der Reflect-Wettbewerb 2015 hatte gestern Nachmittag gleich zwei Eröffnungen. Auf dem Theatervorplatz versammelten sich gut 80 Sängerinnen und Sänger, um mit einem gemeinsamen Kanon für Frieden zu demonstrieren. Eigentlich war dieser Chor, dirigiert vom Theaterpädagogen Robert Grzywotz, die Eröffnung der Interkulturellen Woche, aus zwei Gründen passte er aber sehr gut zum Reflect-Wettbewerb. Zum einen ist auch dessen Idee, für ein besseres Miteinander zu sorgen, zum anderen begaben sich die meisten Sänger nachdem der letzte Ton verklungen war, ins Theater.

Dort begrüßte sie die Landesgeschäftsführerin des Paritätischen, Gabriele Girke. 2006 war der Regionalleiter des Verbandes, Bernd Zürcher, zusammen mit dem Geschäftsführer des Offenen Kanals, Andreas Bredow, und dem TdA Ideengeber für den Wettbewerb. „Er ist in diesem Jahr vielleicht noch wichtiger als zuvor“, sagte sie. Ähnliches hatte Grzywotz eine halbe Stunde zuvor über die Interkulturelle Woche gesagt. „Flüchtlinge kommen nicht hierher wegen des besseren Klimas, bunterer Auslagen in den Geschäften oder irgendwelcher Sozialleistungen“, betonte sie.

„Sie verstehen uns nicht, wir verstehen sie nicht, Kultur, Sprache, Aussehen sind sehr unterschiedlich“, verdeutlichte sie. Allerdings sei jedes Stück Kultur so, wie im Reflect-Wettbewerb eine Brücke zueinander. Und diese Brücken sollen auch im kommenden Jahr wieder geschlagen werden.