Berlin - Schwarzer Tag für das Deutsche Herzzentrum Berlin. Prüfer bestätigen: Mehr als ein Dutzend Mal wurden Daten mit Blick auf die Warteliste für ein Spenderherz manipuliert. Unregelmäßigkeiten gab es auch an anderen deutschen Kliniken.

Der Verdacht auf Verstöße bei Organtransplantationen hat sich nun auch in Berlin, Regensburg und Hamburg bestätigt. Bis auf das Deutsche Herzzentrum Berlin hätten sich jedoch in keinem Fall Hinweise für bewusste Manipulationen gefunden, betonten die Prüfer der Bundesärztekammer am Dienstag (30. September) in Berlin. Sie hatten zwischen 2010 und 2012 bundesweit 60 Transplantationsprogramme in 33 Fachzentren untersucht. Das Kontrollsystem war nach dem ersten großen Organspende-Skandal 2012 verschärft worden. Damals war an der Uniklinik im niedersächsischen Göttingen der erste Skandal hochgekocht. Die Bereitschaft zur Organspende war in der Folge deutlich zurückgegangen.

Nach der jüngsten Kontrollrunde in deutschen Transplantationszentren gehen die Prüfer bisher nur beim Herzzentrum Berlin von neuen systematischen Manipulationen aus. Bei allen anderen geprüften Kliniken fanden sie zwar einzelne Verstöße, bei denen sich aber keine Hinweise auf eine geplante Täuschung für die Organvergabe ergaben, erklärte die Bundesärztekammer. Es habe sich dabei etwa um Zahlendreher in Akten gehandelt, sagte Anne-Gret Rinder, Vorsitzende der Prüfungskommission. "Insgesamt ist das ein ganz positives Fazit." Vor einem Jahr war ein Vielfaches an Manipulationen gefunden worden.

Hans Lippert, Vorsitzender der Überwachungskommission, hofft, mit diesem Ergebnis das drastisch gesunkene Vertrauen der Menschen in die Organspende wiederzugewinnen. Seit dem Skandal in Göttingen hat die Prüfungs- und Überwachungskommission zum zweiten Mal deutsche Kliniken unter die Lupe genommen. Dabei ging es neben wenigen Lebern auch um Herzen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen (Pankreas).

Insgesamt sichteten die Kontrolleure für die Jahre 2010 bis 2012
dabei 1090 Krankenakten von Menschen, denen ein Spenderorgan
verpflanzt wurde. Damit ergibt sich ein Bild aus Stichproben von
insgesamt 7596 Herzen, Nieren und Pankreas, die in diesem Zeitraum
transplantiert wurden.


Das Urteil über das Deutsche Herzzentrum, das sich nach zwei
Kontrollen im August selbst bei der Staatsanwaltschaft angezeigt
hatte, fällt dabei eindeutig aus. "Es gab 14 Verstöße, die den
Schluss auf ein systematisches Vorgehen nahelegen", sagte Rinder. In
sechs Fällen seien Patienten zum Beispiel wenige Tage, bevor ein
Antrag für die Dringlichkeitsliste gestellt wurde, ohne Indikation
eine höhere Medikamentendosierung verabreicht worden. Nach dem Antrag
wurden die Mittel wieder abgesetzt.


Ob andere schwer Herzkranke dadurch einen Nachteil auf der Warteliste
erlitten, konnte Rinder als Vorsitzende der Prüfungskommission nicht
sagen. Der Bericht sei an die Berliner Staatsanwaltschaft geschickt
worden. Sie ermittelt gegen das Herzzentrum wegen versuchten
Totschlags.


In allen anderen Kliniken werteten die Prüfer Unregelmäßigkeiten
nicht als Manipulationen. Bei 799 geprüften Nieren-Transplantationen
gab es vier Verstöße, unter anderem war das Datum des Dialyse-Beginns
falsch - einer der Fälle war in Hamburg. Bei 66 transplantierten
Herzen in anderen Kliniken fanden sich keine Verstöße, auch nicht bei
111 Pankreas. Bei 117 Lebern gab es acht Unregelmäßigkeiten, sechs in
Regensburg (2007-2009) und zwei an der Berliner Charité (2010-13).
Eine Systematik lag nach Einschätzung der Prüfer auch hier nicht vor.


Mit dieser Bilanz sind aber immer noch nicht alle 48 deutsche
Transplantationszentren mit ihren 141 Programmen gecheckt. Für Lungen
beginnen die Prüfungen erst noch. Der abschließende Bericht soll in
einem Jahr vorliegen.


Die Uniklinik in Göttingen hatten die Prüfer bereits 2013 untersucht
und 79 manipulative Verstöße moniert. Ein Prozess gegen die
Verantwortlichen läuft. Auch in Leipzig, München (Rechts der Isar)
und Münster hatten die Prüfer bereits 2013 systematische
Manipulationen gefunden. Die Staatsanwaltschaft stellte die
Ermittlungen wegen möglicher Manipulationen bei
Lebertransplantationen an der Universitätsklinik Münster jedoch Ende
Juli ein. Den Verantwortlichen des Transplantationszentrums der
Klinik seien keine strafrechtlichen Vorwürfe zu machen.

Bereitschaft zur Organspende geht zurück
In Deutschland sterben immer wieder Menschen, weil für sie kein Transplantationsorgan zur Verfügung steht. Etwa 11 000 Patienten warten auf ein Spenderorgan. Doch seit im Sommer 2012 Skandale das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert haben, geht die Bereitschaft zur Spende zurück. Laut Deutscher Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden 2011 noch 1200 Organspender registriert, 2012 waren es 1046. Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl mit nur noch 876 Organspendern einen historischen Tiefstand. 2014 setzte sich diese Tendenz fort: Von Januar bis Juli gab es 513 Spender (Vergleichszeitraum 2013: 548). Die Zahl der verpflanzten Organe (ohne Lebendspenden) ging von 4932 (2011) und 4555 (2012) auf 4059 (2013) zurück.